Lormen: Das Alphabet in der Hand

Von Berthold Fehmer am 03. Februar 2012 20:30

DORSTEN. Ludger und Michael sind beste Freunde: Sie reden über Fußball, gehen gern spazieren oder ins Café. Zwei, die sich verstehen. Auch wenn Michael gehörlos und fast blind ist. Und Ludger weder hören noch sehen kann. Sie verständigen sich mit Hilfe einer sogenannten "taktilen Gebärdensprache" und dem "Lormen".

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Michael (l.) und Ludger sind seit vielen Jahren beste Freunde. Per Lorm-Alphabet und einer taktilen Gebärdensprache können sie miteinander reden.

Fehmer

Der "Sprechende" berührt auf der Handinnenfläche und den Fingern des "Lesenden" Punkte, denen bestimmte Buchstaben zugeordnet sind. Als würde man eine SMS nicht ins Handy, sondern in die Hand tippen.

Ein Trommeln auf den Handteller bedeutet etwa "R": "Wie Regen", sagt Martina Lenz. Sie, die vielen als Mitarbeiterin des Treffpunkts Altstadt bekannt ist, trifft sich mit Ludger und Michael seit vielen Jahren. Auf ehrenamtlicher Basis. Jeden Freitag holt sie beide mit dem Auto ab, um gemeinsam etwas zu unternehmen.

Alphabet eingeprägt

Das Lormen hat sie von Ludger gelernt. "Ich habe mir das Alphabet eingeprägt und hatte eine Karte dabei", erinnert sich Martina Lenz an die erste Begegnung vor zehn Jahren. Damals habe das natürlich nur sehr, sehr langsam funktioniert: "Ludger ist sehr geduldig." Der Angesprochene, dem sie den Satz parallel in die Hand getippt hat, lächelt nachsichtig.

Er und Michael leiden am Usher-Syndrom. Eine erbliche Krankheit, die bewirkte, dass beide gehörlos geboren wurden. Mit 40, also vor rund zehn Jahren verlor Ludger den letzten Rest seines Sehvermögens. Der 46-jährige Michael kann noch sehen - allerdings nur durch einen engen Tunnel. Aller Voraussicht nach wird auch er erblinden.

Noch kann er aber Martina Lenz von den Lippen ablesen oder Fußball auf einem großen Fernseher schauen, wobei er vor allem von der deutschen Nationalmannschaft kein Spiel verpasst. Was im Spiel passiert, tippt er Ludger in die Hand. Und der freut sich genauso, wenn die deutschen Spieler ein Tor geschossen haben.

Meister im Dekorieren

Ludger sei ein "Meister im Dekorieren", sagt Martina Lenz, und bemerkt zunächst gar nicht, wie befremdlich das wirken muss. Beim Einkaufen wisse Ludger immer ganz genau, was er noch für seine Wohnung brauche, "eine silberne Vase oder ein Frühlingsgesteck." Seine Besucher frage er dann, wie ihnen seine Wohnung gefalle. "Seine Wohnung ist immer top dekoriert." Auch im Haushalt seiner Familie packt Ludger mit an, macht etwa die Wäsche oder spült ab. Martina Lenz: "Er steht voll im Leben."

Michael ist fasziniert von chinesischer Heilkunst und Qigong, einer chinesischen Meditations-, Konzentrations- und Bewegungsform. Buddha-Figuren zieren seine Wohnung. Lenz: "Er hört auch gerne Musik." Wenn sie im Auto unterwegs sind, umfasst er immer den Seitengriff der Autotür. Da, wo der Lautsprecher angebracht ist, fühlt er den Rhythmus und klopft ihn gerne mit. "Er dreht dann schon mal gerne etwas lauter", so Martina Lenz.

Andere Sinne geschärft

Wo die einen Sinne schwinden, schärfen sich die anderen - das hat auch Martina Lenz immer wieder gemerkt. "Wenn wir im Wald spazieren gehen, riechen die beiden einen Holunder- oder Fliederstrauch lange, bevor ich ihn sehe." Und wenn Michael und Ludger miteinander lormen, tun sie das in einer Geschwindigkeit, bei der Martina Lenz oft nicht mehr mitkommt.

"Ein bis zwei Jahre", sagt Michael, übersetzt von Martina Lenz, habe er für das Erlernen des Lormen gebraucht. "Das ging am Anfang nur langsam. Man muss immer üben." Ludger hingegen lernte das Lormen bei einem Taubblinden in Borken.


Highlight der Woche

Mit dem Computer können beide umgehen. Ein spezielles Gerät übersetzt Internetseiten und E-Mails in Blindenschrift. "Ich kann ihnen ganz normal schreiben, wenn ich zum Beispiel am Freitag etwas später komme." Lenz bekommt nur eine kleine Aufwandspauschale für die Treffen am Freitag, die für Ludger und Michael stets ein Highlight der Woche sind.

"Die haben meist ganz konkrete Vorstellungen, was sie machen möchten", sagt Martina Lenz: So habe man etwa schon eine Ausstellung für Taubblinde in Essen besucht ("Mit den Händen sehen"), sei schon über den Halterner Stausee geschippert oder gehe einkaufen.

Während Martina Lenz erzählt, tippt Ludger sie an. Und schreibt ihr etwas in die Hand: "Ist der Mann von der Zeitung noch da?" Martina bejaht. "Er bekommt ja wirklich kaum etwas mit. Höchstens wenn er Rauch riechen würde, wüsste er, dass etwas nicht stimmt."

Als der "Mann von der Zeitung" ein paar Bilder und Videos von Ludger und Michael beim Lormen macht, schaut Michael sie sich auf dem kleinen Display an und erzählt Ludger davon. Der tippt zurück: "Schade, dass ich das nicht sehen kann."

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Alfonso Manrique Zuñiga ist 20 Jahre alt und verbringt derzeit ein Jahr in Peru. Der Waltroper berichtet in seinem Blog auf unserer Internetseite von seinen Erlebnissen vom anderen Ende der Welt.

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