"Hikikomori" im Theater Marl: Ein Anti-Held im sozialen Hungerstreik

Von Heinz-Peter Mohr am 02. Februar 2012 17:24

MARL. Was bringt einen jungen Erwachsenen dazu, sich in einem zwei mal zwei Meter kleinen Zimmer abzuschotten und jeden Kontakt zu verweigern? Das Jugendstück „Hikikomori“ von Holger Schober deutet Antworten auf diese Frage nur an. Aber in der starken Inszenierung des Jungen Schauspielhauses Bochum verkörpert Ronny Miersch den abgekapselten H so glaubwürdig widersprüchlich und intensiv, dass die Zuschauer seine Weltflucht verstehen können.

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Die Mutter hinter der Tür ist nur virtuelle Realität: H (glänzend: Ronny Miersch) flüchtet sich in die Einsamkeit und den Chat. Eine Szene mit dem Schauspielhaus Bochum.

Hikikomori – so nennt man in Japan Menschen, die sich wie H für Jahre von der Gesellschaft zurückziehen. Der Regierung zufolge sind es nur 50 000 sein, Psychologen sprechen von mehr als einer Million Jugendliche. Ein japanisches Phänomen?
Mag sein, dass Versagensängste und Überforderung in einer Kultur mit enormem Leistungsdruck, abwesenden Vätern und hätschelnden Müttern häufiger auftreten. Doch Schobers Stück setzt sich nicht speziell mit Japan auseinander, (obwohl H‘s Quadrat-Käfig an japanische Paravents erinnert) sondern ganz allgemein mit einer Welt, in der Jugendliche ihre Lebensfreude verlieren und in den Chat flüchten.

H verweigert sich der Liebe, der Karriere und allen Ansprüchen: „Mit mir kann man gar nichts machen. Ich bin machen-resistent.“ Er schreit seine Wut hinaus auf „eine Welt, in der alle Abenteuer schon gelebt, alle Gedanken schon gedacht sind“. H ist ein Gemobbter, von den Mitschülern mit Steinen beworfen, der sich im warmen Bühnenlicht in Träume flüchtet: den Slow-Fox in der Tanzschule mit dem heimlich verehrten Mädchen. Doch die peinliche Erinnerung blitzt auf wie die kalten Scheinwerfer: H hatte seiner Angebeteten aufs azurfarbene Kleid gekotzt.

Als sich sein Schwester im Chat als das Mädchen Rosebud ausgibt und mit ihm flirtet, scheint seine Mauer einzustürzen. Doch die Schwester versucht, in sein Leben zu kommen, seinen Schmerz zu teilen. Da schlägt er ihr die Tür vor der Nase zu und macht die letzten Schotten dicht.

Auch H fehlt das männliche Vorbild. Der Vater verließ die Familie, die Mutter pendelt zwischen Traumwelten, Vorwürfen und Selbstmitleid. Erklärt all das den Hikikomori? In Ronny Mierschs starkem Spiel, das mehr als den kräftigen Beifall der knapp 100 Zuschauer verdient hätte, wird das Phänomen jedenfalls spürbar: die Verweigerung, die in den Wahnsinn der Einsamkeit treibt, in der so viel Angst und Hilflosigkeit steckt – aber auch ein Rest von Rebellion und heldenhaftem Trotz.