Marie in Südafrika: Bergfest in Kapstadt

Kapstadt Südafrika – Teil 6. Die Hälfte ist schon geschafft, jetzt schlägt Marie das zweite Kapitel auf: Neues Zuhause, neue Menschen und ein neues Projekt – die nächsten drei Monate werden aufregend.

« »
1 von 2
  • südafrika

    Marie und Mitbewohnerin Beatrice bei ihrem ersten Ausflug durch die Siedlung Athlone. Foto: SYSTEM

  • suedafrika2

    Maries neues Zuhause in Athlone: 16 Mädels unter einem Dach. Foto: SYSTEM

Kaum zu glauben, aber wahr: Heute ist offiziell die Hälfte meiner Reise um. Und obwohl ich noch drei Monate vor mir habe, sind meine Koffer schon wieder gepackt und ich warte darauf, abgeholt zu werden. Diesmal geht es zwar nur einige Kilometer Richtung Norden, aber trotz allem bedeutet das einen Neuanfang: neues Haus, neue Leute, neues Projekt!
 
In den letzten Wochen habe ich viele andere deutsche Freiwillige aus Bayern getroffen, die zu meiner Halbzeit hier gerne „Bergfest“ sagen. Ich mag die Idee, meine Reise als einen solchen Berg zu sehen – vor allem, wenn der Tafelberg hier immer im Hintergrund ist.
 
Den Aufstieg hätte ich dann schon geschafft und hinter mir liegen all die Abenteuer, all die neuen Freund- und Bekanntschaften, die ich auf dem Weg dahin gemacht habe. Und trotzdem liegt noch der gesamte Abstieg vor mir – und ich habe keine Ahnung, was mich erwartet.
 
Genug von der Metapher! Der Grund für meinen Neuanfang liegt – wie oben bereits angedeutet, bei meinem Projektwechsel mit dazugehörigem Umzug. Sophia, meine ehemalige Mitbewohnerin und „partner-in-crime“, ist bereits wieder sicher in Deutschland gelandet, genau wie alle anderen, die mit mir angekommen sind. Während für sie jetzt wieder ihr Alltag daheim anfängt, beginnt hier für mich in der Autistenschule „The Kids Shark“ mein neues Projekt. Um zu verstehen, weshalb ich auf einmal das Projekt wechsele, muss man erst mal nachvollziehen, warum ich diese Freiwilligenarbeit überhaupt mache.
 
Klar, den Menschen hier zu helfen und sie und ihre Kultur kennenzulernen, steht bei mir an erster Stelle. Aber genau das wäre theoretisch durch so viele Projekte möglich. Deswegen dachte ich mir, ich könnte dieses halbe Jahr auch nutzen, um mir über meinen Berufswunsch klar zu werden – und dieser schwankt momentan zwischen dem medizinischen und dem sonderpädagogischen Feld.
 
Nach drei Monaten in einem Krankenhaus geht es nun also in eine Förderschule und ich bekomme die Möglichkeit, mir Therapie- und Förderungsmöglichkeiten anzuschauen und gegebenenfalls auch selber anzuwenden. Das einzige Problem dabei: Die Schule befindet sich in einem anderen Stadtviertel von Kapstadt – und das bedeutet etwas vollkommen anderes als Zuhause.
 
Wenn ich hier von meiner Gastmutter ins Stadtzentrum oder an den Strand fahren möchte, bin ich eine gute halbe Stunde unterwegs. Zum Tafelberg sind es in etwa 20 Minuten und in die nächste Stadt fährt man fast eine Stunde. Was ich damit sagen will, ist, dass längere Fahrtzeiten hier schon ziemlich alltäglich und unumgänglich sind und einfach zum Großstadtleben dazugehören. Richtig bewusst wird mir diese Größe von Kapstadt aber immer erst, wenn ich die Fahrzeiten mit Zuhause vergleiche. In 20 Minuten wäre ich in Bochum, in einer halben Stunde könnte ich bis nach Essen fahren und Köln ist auch nur eine Stunde von meinem kleinen Heimatstädtchen entfernt.
 
Und so ging mit dem Projektwechsel auch ein Umzug einher. Mein neues Viertel heißt Athlone und war früher mal ein Township (Siedlung) für „Coloured People“. Davon ist im Haus selbst aber nichts zu spüren. Statt einer Gastfamilie ging es nämlich diesmal in ein Studenthouse, wo ich jetzt mit fünfzehn anderen deutschen Mädchen zusammenwohne. Statt Kulturschock kommen da wohl eher Heimatgefühle auf.
 
Trotzdem war ich nervös, als ich das erste Mal durch die Tür gegangen bin. Ich bin zwar schon ein paar Monate hier, aber die meisten Gesichter aus dem Haus habe ich vorher noch nie gesehen. Und so war ich nach all den Wochen wieder die Neue: Ich kannte mich weder im Viertel noch im Haus aus und wusste nicht so recht, wohin mit mir. Aber all das war schon nach ein paar Minuten verflogen. Kaum hatte ich mich auf die Couch gesetzt, wurde ich auch schon von den ersten Leuten begrüßt. Es war so cool, neue deutsche Leute kennenzulernen, ihre Hintergründe für die Reise zu erfahren und festzustellen, wie viel man gemeinsam hat.
 
Um ehrlich zu sein, konnte ich mir am Anfang nicht vorstellen, wie es ist, mit so vielen Mädchen unter einem Dach zu wohnen. Aber jetzt, wo mein Kofferinhalt (mal wieder) in den Schränken verteilt ist und ich mich mit den ersten Personen unterhalten habe, stehe ich dem Ganzen schon viel optimistischer gegenüber. Die Atmosphäre ist super entspannt und alle kommen gut miteinander aus. Man fühlt sich direkt wohl und willkommen, sodass Unwohlsein gar nicht entstehen kann.
 
Sechszehn Mädchen unter einem Dach bedeutet aber auch viel Tratsch – und so habe ich gleich erst mal die verschiedensten Horrorgeschichten erzählt bekommen. Von ehemaligen Freiwilligen, deren Auto aufgebrochen wurde, über Überfälle in Taxis oder Bushaltestellen, bis hin zu einem Mädchen, das niedergeschlagen worden ist! Es ist schon verrückt, all das zu hören, wenn man selbst so ganz andere Erfahrungen gemacht hat. Aber das zeigt nur wieder, wie gegensätzlich das Leben hier so ist.
 
Apropos Leben hier: Ich bin auf jeden Fall gespannt, was mich jetzt noch alles erwartet, wie sich der Alltag hier im Haus gestaltet und was noch so alles unternommen wird. Ob sich die zukünftigen Wochen von den letzten unterscheiden? Wen werde ich wohl noch alles kennenlernen und wieder verabschieden müssen? Wie werden die Kinder in dem Projekt sein, in dem ich morgen anfange? Ich bin schon gespannt, wie die Antworten auf diese Fragen lauten werden …
 
Marie Dechêne (18, Recklinghausen) verbringt die nächsten sechs Monate in Kapstadt. Dort hilft sie im Rahmen des Freiwilligendienstes Rainbow-Garden-Village (RGV) für jeweils zwölf Wochen in Tageskliniken und in einem Special-Care-Center für geistig beeinträchtige Menschen. Bei Scenario erzählt sie von ihren Eindrücken.