Interview

„Wir wollen keine Tiermessis werden“

Der Verein Ruhrpottmöwen kümmert sich um Stadttauben. Er stößt an seine Grenzen, weil immer mehr Tiere bei Mitgliedern abgegeben werden. Die Ruhrpottmöwen brauchen dringend Unterstützung.
© Sebastian Balint

Die Ruhrpottmöwen haben Ende Mai einen Aufnahmestopp verhängt. Was hat Sie dazu veranlasst?

Steffi Hellinger: Die Plätze, die wir zur Verfügung stellen können, sind schlichtweg belegt. Wir haben immer wieder neue Boxen gekauft, um Tauben aufnehmen und versorgen zu können. Doch wir stoßen an unsere Grenzen. Personell, finanziell und was unsere Kraft angeht. Außerdem wollen wir keine Tiermessis werden, die am Ende ihrer Aufgabe nicht mehr Herr werden. Das ist falsch verstandene Tierliebe.Der Aufnahmestopp funktioniert aber nicht so recht . . .

Hellinger: Ja, leider. Es kamen und kommen noch immer täglich Notfälle, um die wir uns kümmern. Meistens handelt es sich um Tauben, die unseren Teammitgliedern direkt vor die Füße gepurzelt sind. Besonders in Herten ist die Situation kaum zu ertragen. Dort wurden von unseren Teamkollegen alleine an einem Tag fünf kranke Tauben gesichert. Ich gebe zu, manchmal liegen bei uns die Nerven blank und wir haben keine Antworten auf diese Entwicklung.

In welchem Ausmaß hat sich das Problem vergrößert?

Hellinger: Ich kann Ihnen das mithilfe von Zahlen veranschaulichen: Von Anfang des Jahres bis Ende Mai haben wir 189 Tauben versorgt. Im vergangenen Jahr waren es zum selben Zeitpunkt 74, 2019 sogar nur 51. Unsere personellen Kapazitäten haben sich jedoch nicht verdreifacht. Und unsere eingehenden Spenden ebenso wenig.

Woran liegt dieser Anstieg?

Hellinger: Na ja, das hat auch etwas damit zu tun, dass wir unseren Bekanntheitsgrad gesteigert haben, unter anderem durch Veröffentlichungen in den Medien. Ebenso gewachsen ist unsere Mitgliederzahl. Und wir stellen fest, dass es etwas mit Corona und dem Lockdown zu tun hat: Es sind ja deutlich mehr Leute draußen unterwegs als sonst, und viele gehen mit wachen Augen umher und sehen nicht weg, wenn sie eine kranke Taube sehen. Mit dem Ergebnis, dass die Tiere bei uns landen. Während des Lockdowns haben die Tiere auch deutlich weniger Futter in den Städten gefunden, wir haben seitdem unheimlich viele abgemagerte Tauben bekommen. Hungernde Tiere sind auch anfälliger für Krankheiten, da der Allgemeinzustand halt schon nicht okay ist.

Nun gibt es ja auch nicht wenige, die nicht eine so innige Beziehung wie Sie zu Tauben haben. Von „Ratten der Lüfte“ ist da auch abschätzig die Rede. Wie sind Sie an die Tiere geraten?

Hellinger: Ich war Fahrerin bei einer Gruppe, die sich um Wildvögel kümmerte. Eines Tages sollte ich 20 Tauben nach Berlin bringen. Ich konnte es nicht glauben: In meinem Auto? Niemals! Ich bin dann doch gefahren. Und schon auf der Fahrt habe ich gemerkt, was für tolle Tiere das sind. Zu allem Überfluss hatte das Tierheim, in das ich sie bringen sollte, geschlossen. Also stand ich am Abend mit 20 Tauben bei meiner Mutter in Berlin vor der Haustüre. Ich habe sie dann einfach mit in mein Zimmer genommen.

Stimmt der Eindruck, dass es immer mehr Tauben in unseren Innenstädten werden?

Hellinger: Das lässt sich schwer beziffern. Aber sie gehören nun einmal dazu. Was in anderen Ländern, vor allem in Süden, die Straßenhunde sind, sind bei uns die Tauben. Aber keiner sieht sie und niemand will sie. Aber wer einmal ihr Elend gesehen hat, der kann nicht mehr anders, als ihnen zu helfen.

Was benötigen die Ruhrpottmöwen am nötigsten?

Hellinger: Wir brauchen Pflegestellen, also Menschen, die eine oder mehrere Tauben bei sich aufnehmen wollen und sie pflegen. Denn eines ist klar: Wir müssen uns und unsere bestehenden Pflegestellen schützen. Es darf nicht so weit kommen, dass Pflegestellen wegbrechen, weil sie psychisch am Ende sind. Und wir brauchen Endstellen, also Leute, die sich vorstellen können, den Tieren ein Zuhause zu geben. Aktuell suchen wir für knapp 50 unserer Täubchen Plätze, wo sie alt werden dürfen.

Was muss für eine solche Endstelle vorhanden sein?

Hellinger: Wir suchen unter anderem Freiflugplätze, also Volieren in Gärten. Die Anforderungen daran sind sehr gering, eine kleine Hütte reicht dafür. In einer kleinen Voliere kann man z. B. zwei Pärchen ein Zuhause bieten. Es ist auch möglich, Tauben in der Wohnung oder auf dem Dachboden zu halten; das betrifft vor allem flugunfähige Tiere. Wer das vorhat, sollte vorher mit seinem Vermieter sprechen. Nicht alle wollen Tauben in ihrer Wohnung haben. Wir haben gerade eine neue Endstelle in Castrop-Rauxel, und unsere große Behindertenvoliere steht in Datteln. Da können sich Interessierte anschauen, wie man eine solche Voliere baut und einrichtet. In Castrop-Rauxel haben wir auch einen kleinen Freiflugschlag. Abgegeben werden natürlich nur gesunde Tiere. Der Aufwand für Tauben als Haustiere ist ähnlich dem der Kaninchenhaltung in einem vernünftigen Gehege.

Wie aufwändig ist es, Tauben zu pflegen, zumal kranke?

Hellinger: Der Käfig muss je nach Erkrankung, mehrfach am Tag gesäubert und mit frischen Unterlagen und zum Beispiel Stroh versehen werden. Und natürlich brauchen sie Futter. Mit 50 Gramm Körnerfutter am Tag sind sie super zufrieden, das ist erschwinglich. Und wenn man Tauben etwas Gutes tun möchte, spendiert man ihnen Sonnenblumenkerne. Wenn jemand uns als Pflegestelle unterstützen möchte, stellen wir sämtliches Equipment und arbeiten die Person selbstverständlich gut ein. Wir sind ein tolles Team, was sich immer gegenseitig unterstützt.

Wie alt können die Tiere werden?

Hellinger: Bis zu 20 Jahre. Auf den Straßen unserer Städte ist ihre Lebenserwartung deutlich geringer – bei all den Schadstoffen, denen sie da ausgesetzt sind, und den Dingen, die sie fressen.

Sie setzen sich mit Ihrem Verein aber auch dafür ein, dass die Population überschaubar bleibt.

Hellinger: Auch das hat etwas mit Tierliebe zu tun. An mehreren Stellen im Kreis Recklinghausen haben wir rausgefunden, wo die Tauben wild brüten. Dort tauschen wir die Eier gegen Attrappen austauschen. Das funktioniert bestens, nur dass wir dafür ohne betreute Schläge immer im Dreck arbeiten müssen und wir nie alle Brutstellen finden und erreichen werden.

Nur in Datteln hakt es.

Hellinger: Das stimmt. Und die Zeit drängt. Wenn demnächst das markante Hochhaus in Innenstadtnähe saniert wird, müssen sie von dort weg. Unsere Bemühungen, die Stadt davon zu überzeugen, einen Taubenschlag am Schemm zu bauen, waren erfolglos. Auch die Unterstützung von CDU und Grünen hilft nicht. Die SPD steht offenbar nicht dahinter, weil Bürgermeister Dora einer von ihnen ist. Auch alternativ vorgeschlagene Standorte werden seitens der Stadt nicht weiter verfolgt. Ich verstehe nicht, warum die Stadt sich dagegen sperrt. Wenn das so bleibt, werden die Tauben die Stadt fluten.

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