Mangelware Kinderbetreuung

Aaliyah muss draußen bleiben – Hunderte OGS-Plätze fehlen

Anspruch auf einen Platz in der Betreuung soll jedes Grundschulkind ab 2026 haben – dabei gibt es viel zu wenig Plätze, die Wartelisten sind lang. Auch Aaliyah (7) wartet bisher vergeblich.
Guten Appetit: Mittagessen im Offenen Ganztag einer Grundschule. © Jörg Gutzeit

Aaliyah ist ein lebhaftes Kind. Obwohl sie mit ihren Eltern in Gelsenkirchen lebt, besucht die Kleine seit einem Jahr die Waldschule in Langenbochum. Denn Oma und Opa, Wally und Willi Schmidt, wohnen an der Obringstraße in Westerholt. „Wir haben uns bewusst für die Waldschule entscheiden, weil der Weg zu uns überschaubar ist“, sagt Wally Schmidt. Aaliyah verbringt nämlich viel Zeit bei ihren Großeltern. Sie betreuen das Kind, weil dessen Eltern ganztägig außer Haus sind. Die Mutter macht in Oberhausen eine zweijährige Umschulung zur Sozialversicherungsfachangestellten, der Vater übt seinen Beruf aus.

Aaliyah (7) besucht die Waldschule in Langgenbochum.
Aaliyah (7) besucht die Waldschule in Langgenbochum. © Martin Pyplatz © Martin Pyplatz

Das System funktionierte gut, bis Wally Schmidt gesundheitliche Probleme bekam und nicht mehr genug Kraft hatte, ihr Enkelkind tagtäglich zu betreuen. Ein Platz im Offenen Ganztag (OGS) der Grundschule schien da die beste Lösung zu sein – doch den bekommt Aaliyah nicht, wie Wally Schmidt berichtet. „Sie steht auf Platz 13 der Warteliste“, sagt die Seniorin. „Und daran ist offenbar nicht zu rütteln.“

Engagement für Tschernobyl-Kinder und die Tafel

Auf der Suche nach Unterstützung hat sie sich an unsere Redaktion gewandt. Man kennt sich: Wally Schmidt stand in der Vergangenheit regelmäßig im Fokus, wenn über den Hertener Verein „Hilfe für die Kinder von Tschernobyl“ berichtet wurde. Die Westerholterin hat ein großes Herz. Seit fast 30 Jahren engagiert sie sich in dem Verein, der Kindern aus dem Umfeld des Unglücksreaktors Erholungsaufenthalte in Herten ermöglicht. Mit Ehemann Willi, dem Vorsitzenden des Vereins, hat sie nicht nur alljährlich für vier Wochen ein Kind aus der weißrussischen Stadt Gomel zur Erholung bei sich aufgenommen und verwöhnt. Sie war auch im Verein als „Mädchen für alles“ schwer aktiv und organisierte zum Beispiel die Kleiderkammern, in denen sich die Gäste aus Gomel einkleiden konnten. So ganz nebenbei hat die Westerholterin auch noch 17 Jahre lang im Tafel-Laden der Caritas mitgeholfen.

Nachweis über die Berufstätigkeit ist Pflicht

Und jetzt, da sie selbst krank ist und nicht mehr kann, soll es für sie keine Hilfe in Form eines OGS-Platzes für ihr Enkelkind geben? Wir hören nach bei Susanne Fey, Leiterin der Waldschule, die maßgeblich zuständig ist für die Vergabe der Betreuungsplätze an ihrer Schule. Auf den individuellen Fall will sie im Detail nicht eingehen, erläutert aber das Prozedere: „Wir richten uns nach den allgemeinen Vorgaben des Landes NRW. Wenn mir alle relevanten Nachweise (wie z.B. Arbeitgebernachweise) der Erziehungsberechtigten vorliegen, kann ich diese prüfen und über die Aufnahme entscheiden.“ Es komme allerdings immer wieder vor, dass trotz mehrfacher Aufforderung diese Nachweise nicht vollständig vorlägen.

Land NRW legt Kriterien für bevorzugte Aufnahme fest

So ist es wohl auch im Falle Aaliyahs. Nun sind also die Eltern bzw. die Schule der Mutter, an der seit einem halben Jahr die Umschulung läuft, und der Arbeitgeber des Vaters gefragt. Liegen die Unterlagen vor, kann über die Platzvergabe entschieden werden. Allerdings orientieren sich die Aufnahmekriterien der OGS nicht ausschließlich an der elterlichen Berufstätigkeit, wie Rektorin Susanne Fey erläutert. Die Kriterien für eine bevorzugte Aufnahme, aufgestellt von der Landesregierung NRW, sind folgende:

– Kinder alleinerziehender, berufstätiger, erwerbssuchender und/oder in Ausbildung befindlicher Erziehungsberechtigter

– Geschwisterkinder von Kindern, die bereits einen Platz in der OGS haben

– Kinder in benachteiligten Lebenssituationen

– Kinder, die während des Schuljahres hinzu ziehen

– Kinder mit besonderem Förderbedarf

– Kinder aus dem 1. und 2. Schuljahr

Ab 2026/27 besteht Anspruch auf einen Betreuungsplatz

Wally Schmidt kann demnach hoffen, dass ihr Enkelkind einen OGS-Platz bekommt, sobald die notwendigen Bescheinigungen vorliegen. Sicher ist das aber nicht, denn nicht nur an der Waldschule ist die Warteliste lang.

Dabei verspricht die Bundesregierung jedem Grundschulkind ab dem Schuljahr 2026/27 nach und nach einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Damit soll einerseits die Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützt werden. Aber es sollen auch Kindern aus schwierigen Verhältnissen bessere Bildungschancen geboten werden. Wohlgemerkt: Jedes Kind hat dann Anspruch auf einen OGS-Platz. Verpflichtend ist der Besuch nicht.

Hunderte OGS-Plätze fehlen in Herten

Legt man die Anzahl von ungefähr 2000 Grundschülern an den neun Grundschulstandorten in Herten zugrunde und rechnet mit einer realistischen Versorgungsquote von 80 Prozent, müsste die Stadt also 1600 OGS-Plätze bereitstellen. Derzeit gibt es stadtweit rund 1100 Plätze. Es fehlen als noch circa 500 Betreuungsplätze. Da kann man nur hoffen, dass die Stadt Herten von den 3,5 Milliarden Euro, die der Bund in den Ausbau der Ganztagsbetreuung investiert, einen ordentlichen Batzen abbekommt. Und dass die Stadt beizeiten Räumlichkeiten schafft und die Arbeiterwohlfahrt (AWO) als Betreiberin des Offenen Ganztags fleißig Personal rekrutiert. Denn die bestehenden OGS-Einrichtungen platzen schon heute aus allen Nähten – eine Belastung für Kinder und Mitarbeitende gleichermaßen.

Übrigens: Bei den Kitaplätzen sieht es trotz reger Bautätigkeit momentan auch nicht besser aus.

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