Ruhrfestspiele

Barbara Nüsse als selbstbewusste Frau in trüben Zeiten

Die großartige Schauspielerin Barbara Nüsse berührt bei den Ruhrfestspielen zutiefst mit einer Lesung über das wilde Revier-Kind Katja aus Brigitte Kronauers letztem Roman.
Barbara Nüsse (Archiv). © Armin Smailovic

Barbara Nüsses letzter großer Auftritt bei den Ruhrfestspielen liegt fast sieben Jahre lang zurück. Damals las sie, nein, sie durchlebte den Penelope-Monolog aus dem Jahrhundertroman „Ulysses“ von James Joyce. Da geriet der traumverschlungene Gedankenstrom der Molly Bloom zum erotischen Aufbegehren einer femininen Selbstvergewisserung.

Eine der bedeutendsten deutschen Darstellerinnen der reifen Generation

Damals erhob sich das Publikum im Festspielhaus, um einer der bedeutendsten deutschen Darstellerinnen der reifen Generation Ovationen zu zollen. Was hat die mit 78 noch im Festengagement spielende, am Thalia engagierte Schauspielerin nicht alles erlebt? Und was hat sie gespielt in Inszenierungen von Hans Lietzau über Hansgünther Heyme, Roberto Ciulli, Claus Peymann, Niels-Peter Rudolph, Werner Schroeter, Wilfried Minks, David Mouchtar-Samourai, Christoph Marthaler oder Luc Perceval?

Mit einer Lesung kehrte sie zu den Ruhrfestspielen zurück

Mit einer Lesung kehrte sie nun zu den Ruhrfestspielen zurück. Im Gepäck eine Wahlverwandte: das Vermächtnis der vor zwei Jahren verstorbenen Autorin Brigitte Kronauer, die wie Nüsse in Hamburg sesshaft wurde.

Für Kronauer hat Nüsse, die Darstellerin mit sicherem literarischem Gespür, eine Vorliebe. Kronauer dürfte auch zu den bevorzugten Autorinnen all der Frauen zählen, die in dieser Matinee im Festspielhaus neben wenigen Männern anderthalb Stunden lang mit nicht nachlassender Spannung lauschten.

Vom Aufbegehren einer jungen Frau in der Adenauer-Ära

„Das Schöne, Schäbige, Schwankende“ hat Kronauer die kurz nach ihrem Tod erschienenen 39 „Romangeschichten“ über das facettenreiche Leben höchst unterschiedlicher Menschen genannt. „Die Jahre mit Katja heißt eines der beiden ausgedehntesten Kapitel daraus. Kein Zufall, dass sich Nüsse dafür entschied. Wie eine kleine Schwester verfolgt die Erzählerin in unverstellt naiver Wahrnehmung das selbstbewusste Leben des ein paar Jahre älteren wilden Mädchens Katja aus der eigenen Verwandtschaft. Es erzählt vom Aufbegehren einer jungen Frau in der boomenden, trüben Adenauer-Ära im Revier, im Schatten des Bochumer Vereins. Katja, die nichts gelernt hat, die aber auch nicht das übliche Leben einer verdrucksten Hausfrau nach gängigem CDU-Familienleitbild führen will, wuchert mit dem einzigen Pfund, das sie besitzt, ihrer Schönheit. Sie wird Bardame.

Sie weiß die Männer an der Theke zu becircen

Sie weiß die Männer an der Theke zu becircen. Sie versteht es, ihr Glück zu machen. Als „Hure“ schmäht sie der autoritäre Patriarch Hugo, der Großvater der Erzählerin. Katjas Vater, Hugos ungleicher Bruder Emil, die Sanftheit in Person, stirbt an Herzversagen. Der von einem Neapolitaner ermordete angehende Ehemann Enrico, ein Halbitaliener, der mit seinem Tod dafür büßt, dass er eine Italienerin verschmäht hat, lässt sie mit der unehelichen gemeinsamen Tochter Sophie zurück. Die Härte des Lebens durch bigotte Nonnen trifft mit voller Wucht das schon für sein lebendiges Wesen bestrafte einjährige Kind, das Mutter auf der Suche nach Arbeit einem Waisenhaus anvertraut hat.

Ein hoffnungsloser Fall. „Sie schlief friedlich ein.“

Noch einmal wendet sich das Glück für sie, als Kurt, der Tatmensch aus Münster, Besitzer einer Tankstelle samt Werkstatt, in ihr Leben tritt. Katja packt mit an. Sie spürt nicht, wie sich der Krebs in ihrer Brust einnistet und Metastasen entwickelt. Ein hoffnungsloser Fall. „Sie schlief friedlich ein.“ So schlicht und nüchtern, wie Barbara Nüsse dieses Leben zwischen Glück und Elend mit fester, fesselnd musikalischer Stimme vorträgt, wühlt es auf. Das Publikum zeigt sich zutiefst berührt von einer Rezitatorin von Rang und einer Autorin, die im Blick auf präzise geschilderte Details das Verhalten der Menschen für sich sprechen lässt.

Lesen Sie jetzt