Schülerwettbewerb

Der Traum von einer Rowling-Lesung am Willy-Brandt-Gymnasium

Sophia Gerlach aus Oer-Erkenschwick vertritt NRW beim Bundesfinale des Vorlesewettbewerbs in Berlin. Der rbb streamt das Ereignis live. Aber die Zwölfjährige sagt: „Angst vorm Auftreten hatte ich noch nie.“
Sophia Gerlach (12) aus Oer-Erkenschwick wird beim Finale in Berlin aus „Und zwischen uns eine Mauer“ vorlesen. © Markus Geling

An und für sich stehe sie ja nicht so auf große Städte, erzählt Sophia selbstbewusst grinsend: „Zu viele Leute, zu stressig.“ Aber auf Berlin freut sich die Zwölfjährige dann doch sehr. Heute macht sich die Oer-Erkenschwickerin mit ihren Eltern Agnes und Fritz Gerlach auf den Weg Richtung Hauptstadt – um dort dann am morgigen Freitag Nordrhein-Westfalen beim großen Bundesfinale des Vorlesewettbewerbs 2020/21 zu vertreten.

Sophia wird im Studio des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) aus „Und zwischen uns eine Mauer“ vorlesen. Das Buch von Suza Kolb ist am Dienstag per Kurier in der Stimbergstadt angekommen. Jetzt sucht das Mädchen nach der Passage, die sich am besten für ihre dreiminütige Lesung eignet. Gut wäre es, denkt die Schülerin des Oer-Erkenschwicker Willy-Brandt-Gymnasiums, wenn die Stelle spannend wäre und viele Dialoge vorkämen. Ein paar Ideen hat Sophia schon – und die entsprechenden Stellen mit pinken Klebezetteln gekennzeichnet.

Mehr als 400.000 Sechstklässler haben mitgemacht

Der Vorlesewettbewerb für Schüler wird seit 1959 jährlich durchgeführt. Veranstaltet wird er von der Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Zusammenarbeit mit Buchhandlungen, Bibliotheken, Schulen und anderen kulturellen Einrichtungen. Als Schirmherr fungiert der Bundespräsident, ein wesentlicher Förderer ist das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Beteiligt haben sich diesmal mehr als 400.000 Sechstklässler.

„Der Vorlesewettbewerb möchte Kinder ermuntern, sich mit Jugendliteratur zu beschäftigen, aus ihren Lieblingsbüchern vorzulesen und neue Texte zu entdecken“, heißt es vonseiten des Veranstalters. „Freude am Lesen und Lesemotivation stehen dabei im Mittelpunkt.“

Mutter Agnes kommt mit ins Studio

Diese Freude hatte Sophia schon immer. Zuletzt verschlang sie „Alles nur aus Zuckersand“ (Dirk Kummer), „Vor uns das Meer“ (Alan Gratz) oder auch „Gregs Tagebücher“ (Jeff Kinney), beim Landeswettbewerb trug sie aus „Alice Littlebird“ (Grit Poppe) vor. „Wahrscheinlich hat meine Tochter jetzt schon mehr Bücher gelesen, als ich in meinem ganzen Leben“, sagt ihr Vater Fritz lächelnd. „Was aber auch nicht so schwer ist“, wie seine Frau mit zuckenden Mundwinkeln trocken kontert.

Agnes Gerlach hat Sophia schon vorgelesen, als diese noch ganz klein war – und begleitet sie am Freitag ins Studio. Wegen der Corona-Pandemie darf jeder Finalist nur einen Angehörigen mitbringen. Der rbb wird den Wettbewerb ab 11 Uhr live streamen – in der ARD-Mediathek, auf kika.de, auf rbb-online.de und auf vorlesewettbewerb.de.

Lampenfieber, Sophia?

„Angst vorm Auftreten hatte ich noch nie“, sagt die junge Rollkunstläuferin vom Rollsportclub Solidarität. „Ein bisschen nervös werde ich sein. Aber eigentlich freue ich mich mehr.“

Das Thema DDR findet sie spannend

Auch ihr Deutschlehrer Constantin Hellmons hat das Gefühl, „dass Sophia ganz cool ist“. Das Mädchen hatte zunächst am Willy-Brandt-Gymnasium den Klassen- und Schulwettbewerb gewonnen, sich dann auf Kreis-, Bezirks und Landesebene durchgesetzt. Anfangs las sie noch „live“, und musste dann – wegen der Corona-Pandemie – Videos aufnehmen und hochladen. „Sophia hat eine sehr natürliche Art des Vorlesens, ist sehr souverän für ihr Alter. Wie sie Texte interpretiert – das ist schon ein tolle Leistung“, sagt Hellmons.

Dass Sophia jetzt „Und zwischen uns eine Mauer“ lesen soll, gefällt ihr. „Es geht um ein Mädchen, das in West-Berlin lebt und 1983 in den Ferien zu ihren Verwandten in die DDR reist“, erzählt sie. Das Thema DDR findet sie spannend. Zur Freude ihres Vaters. Schließlich wurde der 1984 in Radebeul geboren. Und aus Radebeul wiederum kommt die beste Vorleserin Sachsens: Sveja Kühne.

„Die Idee ist schon, dass wir uns dieses Finale in der Schule zusammen angucken“, sagt Deutschlehrer Hellmons. Das Problem: Eigentlich stehen für die Schüler eine Französisch- und Lateinarbeit auf dem Programm.

Sollte Sophia Bundessiegerin werden, würde sie unter anderem einen Bücherscheck und einen Wanderpokal gewinnen – und die Lesung eines Wunschautors an der Schule. „Joanne Rowling einzuladen, wäre cool. Mal gucken, ob das geht“, sagt die leidenschaftliche Harry-Potter-Leserin. Aber sie ahnt schon, dass es schwierig werden könnte, die weltberühmte britische Schriftstellerin nach Oer-Erkenschwick zu holen.