Kino

Ein Film über die Liebe und eine ganz besondere Vater-Sohn-Beziehung

Für das ergreifende Drama „Nowhere special“ erhält Regisseur Uberto Pasolini den Ökumenischen Filmpreis des 12. Kirchlichen Filmfestivals in Recklinghausen.
Uberto Pasolini (l.) erhält den Ökumenischen Filmpreis in Form eines Olivenbaums von Harald Wagner, Dr. Ralf Hammecke, Marc Gutzeit und Michael M. Kleinschmidt (v.l.). © Achim Pohl

Sie habe einfach ins Kino gewollt, erzählt Carina Langhans bei der Gesprächsrunde mit dem Drehbuchautoren, Regisseur und Produzenten Uberto Pasolini im Recklinghäuser Cineworld-Kino. Eigentlich in einen ganz anderen Film. Doch dann sei ihr das Plakat zu „Nowhere special“ ins Auge gefallen. Es habe sie so angesprochen, dass sie spontan von Dortmund nach Recklinghausen gefahren sei. „Dass hier ein kirchliches Festival läuft, wusste ich nicht“, sagt die junge Frau. „Das ist alles ein großes Glück, der Film hat mich so berührt“, sprudelt es aus ihr heraus – und dann beendet sie ihre euphorischen Ausführungen mit einem schlichten: „Danke!“

John sucht eine neue Familie für seinen Sohn

Uberto Pasolini ist aus London angereist, um an diesem Samstagabend in Recklinghausen den Ökumenischen Filmpreis des 12. Kirchlichen Filmfestivals für „Nowhere special“ entgegen zu nehmen. In seinem neuen, ergreifenden Drama lernt der Zuschauer John (James Norton) kennen. Der ist 34 Jahre alt, Fensterputzer, alleinerziehender Vater – und schwer krank. Er weiß, dass ihm nur noch wenige Monate bleiben. Die Zeit will er nutzen, um eine neue Familie für seinen vier Jahre alten Sohn Michael (Daniel Lamont) zu finden – eine möglichst perfekte Familie.

„Es ist kein Film über den Tod, auch wenn er eine Rolle spielt“, erzählt der charismatische Pasolini beim Filmgespräch mit dem Künstlerischen Leiter des Festivals, Michael M. Kleinschmidt, sowie Harald Wagner vom Veranstalter, dem ökumenischen Arbeitskreis Kirche und Kino. „Es ist auch kein Film über Adoption, obwohl sie hier ein wichtiges Thema ist. Es geht um Liebe.“

Großartige Schauspieler

„Nowhere special“ ist ein im wahrsten Sinne des Wortes leiser Film mit einer poetischen Bildsprache, einem behutsamen Erzählstil und großartigen Schauspielern. Einer, der zu Tränen rührt. „Wie schafft man es nur“, fragt Kleinschmidt den Regisseur Pasolini, „dass zwei Menschen, die sich nicht kennen, so spielen, dass man das Gefühl hat, sie seien Vater und Sohn?“

Und der 64-Jährige sagt: „Ich weiß es nicht.“

Letztlich führt der gebürtige Römer das innige Spiel der beiden dann auf deren besondere Beziehung zurück. James Norton sei nicht nur ein wunderbarer Schauspieler, der ohne viele Worte auskomme, sondern auch noch ein großherziger Mensch, der viel Zeit mit dem kleinen Daniel verbracht und sich mit ihm angefreundet habe.

Eine Stimme der Unterrepräsentierten

„Nowhere special“ rege dazu an, sich mit den tiefgründigen Fragestellungen des Lebens auseinanderzusetzen, führt der Leiter des Bischöflichen Generalvikariates in Münster, Dr. Ralf Hammecke, in seiner Laudatio aus. Etwa: Was möchte ich, was von meinem Leben bleibt? Und Pasolini erhalte den Preis noch aus einem anderen Grund zu Recht: „Sie geben den Unterrepräsentierten eine Stimme!“

Der so Gelobte zeigt sich von Hammeckes Worten „komplett überwältigt“, sagt aber auch: „Sie haben den Film viel tiefer analysiert als ich ihn selbst verstanden habe.“ Überhaupt betont der 64-Jährige im Laufe des Abends mehrfach, dass er nicht intellektuell sei, so nicht arbeite, das auch gar nicht könne, sondern eher intuitiv vorgehe. Das klingt bescheiden, vielleicht kokett – und auch etwas irritierend angesichts eines Films, bei dem jedes Detail zu stimmen scheint.

Besucherzahlen hätten besser sein können

Was in jedem Fall bleibt, ist der melancholische Blick Michaels. Diese Augen. Sie lassen erahnen, dass der Vierjährige viel mehr über den Zustand seines geliebten Vaters, seines Vorbilds, weiß, als der ihm zumuten möchte. Und wohl auch, weil einem diese Schwere so nahe geht, betont Pasolini, dass Daniel im wahren Leben ein lebensfroher, aufgeweckter Junge mit einer tollen Schwester sei: „Sehr glücklich mit sich selbst und seinem familiären Umfeld.“

Begonnen hat die Preisverleihung mit Verspätung. Der neue James-Bond-Film und 3-G-Kontrollen führten zu langen Schlangen im Cineworld. Auch bei „Nowhere special“ war Saal 2 voll. Insgesamt seien die Besucherzahlen bei der Herbstedition des 12. Kirchlichen Filmfestivals „okay“ gewesen, so Cineworld-Leiter Kai-Uwe Theveßen, „hätten aber auch durchweg besser sein können“. Er führt das darauf zurück, dass das Stammpublikum angesichts der Corona-Pandemie wohl noch etwas zurückhaltend sei.

Und so spontan wie Carina Langhans ist halt auch nicht jeder.

Info

Auch ein Kinder- und Jugendfilmpreis wurden vergeben

Das Kirchliche Filmfestival hat zum 12. Mal stattgefunden. Erstmals nicht nur in Recklinghausen, sondern auch in Marl. Veranstalter ist der Arbeitskreis Kirche & Kino des Evangelischen Kirchenkreises und des Katholischen Kreisdekanats Recklinghausen. Neben „Nowhere special“ wurden „Die Sommerrebellen“ (Kinderfilmpreis) und „Ein bisschen bleiben wir noch“ (Jugendfilmpreis) ausgezeichnet. „Nowhere special“ läuft kommenden Donnerstag in den Kinos an.