Kultur

Eine Ausstellung, die die Welt erregte

Selbst die „Times“ berichtete: Als 1960/61 die „Synagoga“ als erste dem jüdischen Kulturgut gewidmete Ausstellung in Deutschland stattfand, richtete sich das Auge der Welt auf Recklinghausen. Ab heute wird daran in der Kunsthalle erinnert.
Die Ausstellungsmacher: Kunsthallenleiter Thomas Grochowiak und seine Stellvertreterin Dr. Anneliese Schröder. © Stadtarchiv Recklinghausen

Als einen Versuch der symbolischen Wiedereinbürgerung der Juden in Deutschland sieht Dr. Norbert Reichling rückblickend die Ausstellung „Synagoga“, die 1960/61 in der Kunsthalle Recklinghausen stattfand und als erste ihrer Ausrichtung weltweit für Aufsehen sorgte. Reichling, Sozialwissenschaftler und Vorsitzender des Trägervereins des Jüdischen Museums Westfalen, wird heute ab 19 Uhr den Vortrag zur Eröffnung der Kabinett-Ausstellung halten, die bis zum 7. November vis-à-vis dem Hauptbahnhof an die „Synagoga“ erinnert.

Viele Kultgestände, wenige Gemälde

„Es war ein riesiger Kraftakt, den der damalige Kunsthallenleiter Thomas Grochowiak und seine Stellvertreterin Dr. Anneliese Schröder da gestemmt haben“, sagt Kerstin Weber, die die gegenwärtige Ausstellung kuratiert hat. Ganze Aktenberge im Stadtarchiv Recklinghausens zeugten von den unendlich vielen Anfragen, Bitten um jüdische Kunst- und Kultusobjekte. Schließlich fanden sich 40 private Leihgeber und 60 Museen, die insgesamt 650 Objekte zur Verfügung stellten – darunter Chanukka-Leuchter, Brautkronen, Beschneidungsmesser, und Thora-Vorhänge, allerdings vergleichsweise wenige Gemälde, geschuldet dem alttestamentarischen Bilderverbot („Du sollst dir kein Bildnis machen …“).

Schirmherr ist Bundespräsident Heinrich Lübke

1960/61, nur 15 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs und der Schoa, in einer Zeit, da eine gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit den unvorstellbaren Gräueltaten des Nazi-Regimes erst beginnt, muss eine solche Ausstellung Furore machen. Und sie tut es: Schirmherr ist Bundespräsident Heinrich Lübke, Grußworte entsenden Bundeskanzler Konrad Adenauer und der israelische Botschafter Felix E. Shinnar (noch bevor überhaupt diplomatische Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik aufgenommen worden sind), 30.000 Menschen aus vieler Herren Länder werden die „Synagoga“ besuchen, auf das kleine, eher provinzielle Recklinghausen schallt ein weltweites Medienecho zurück. Und vor Ort legt die Ausstellung den Grundstein für die Gründung der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, deren 60. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird.

Film spiegelt Leben jüdischer Fotografinnen

Die aktuelle Kabinett-Schau besteht im Wesentlichen aus Fotos, Grafiken und Dokumenten (Briefen, Grußworten), aber auch ein Original von 1960/61 ist darunter: die Radierung „Der alte jüdische Friedhof“ von Hans Körnig (1905-1989). Ein weiteres zu sehendes Werk ist die Tuschezeichnung „Daniel in der Löwengrube“ von Josef Hegenbarth (1884-1962), die im Nachklang der „Synagoga“ von der Kunsthalle angekauft wurde; einige Werke des Künstlers waren 1937 im Zuge der Beschlagnahmungsaktionen „Entartete Kunst“ vernichtet worden.

„60 Jahre ,Synagoga‘ – Eine Ausstellung zur Erinnerung“ ist zu sehen bis zum 7. November. Begleitend und im Rahmen des 12. Kirchlichen Filmfestivals Recklinghausen wird am Sonntag, 3. Oktober, ab 16 Uhr der Film „Drei Fotografinnen“ gezeigt, der in Gesprächen Leben und Werk der drei jüdisch stämmigen Künstlerinnen Ilse Bing, Grete Stern und Ellen Auerbach spiegelt.

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