Kreisveterinäramt:

„Schwere Tierschutzmängel sind die Ausnahme“

Jahrelang wurden auch im Kreis Recklinghausen die durch EU-Recht vorgegebenen Kontrollintervalle landwirtschaftlicher Betriebe nicht eingehalten. Jetzt hat der Kreis personell aufgerüstet.
Landwirtschaftliche Betriebe im Kreis Recklinghausen werden im Durchschnitt alle fünf Jahre vom Kreisveterinäramt kontrolliert. Dabei geht es vor allem um den Tierschutz. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Das Veterinäramt des Kreises Recklinghausen ist nicht böse darüber, dass es im Vest keine Viehsammelstelle gibt wie in Werne (Kreis Unna). Dort hatten Bilder von brutal gequälten Tieren die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Und es wurde die Frage erörtert, wie solche Tierquälereien ohne Eingreifen der Behörden des Kreises Unna überhaupt möglich waren und warum es keine Kontrollen gab.

Das Kreisveterinäramt Recklinghausen ist für die Kontrolle von 2512 landwirtschaftlichen Betrieben im Kreisgebiet zuständig. Zusätzlich hat die Behörde im Rahmen einer interkommunalen Vereinbarung die Aufsicht über 118 Betriebe in der Nachbarstadt Herne übernommen. Auch im Vest konnten die durch EU-Recht vorgegebenen Kontrollintervalle in der Vergangenheit nicht eingehalten werden, räumt Veterinäramtschef Dr. Siegfried Gerwert auf Anfrage ein.

Nach Angaben der Kreisverwaltung fanden 2019 insgesamt nur 120 Kontrollen statt (das entspricht einer Kontrollquote von 4,6 Prozent), 2018 waren es 155 Kontrollen (5,9 Prozent) – zu wenig, um die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen. Nach Angaben des Veterinäramtes ist bei landwirtschaftlichen Betrieben ein Kontrollintervall von drei bis sieben Jahren vorgeschrieben. Wo fertige Lebensmittel produziert werden, verkürzt sich die Zeitspanne auf drei Monate bis maximal drei Jahre.

Betriebe werden im Durchschnitt alle fünf Jahre geprüft

Personell habe das Veterinäramt jedoch mittlerweile aufgestockt. Mit vier Tierärzten und drei Veterinärassistenten sei es möglich, die Betriebe im Durchschnitt alle fünf Jahre aufzusuchen, so der Amtstierarzt. Zugrunde liege eine „risikoorientierte“ Bewertung, die dazu führe, dass bestimmte Betriebe – etwa in der Geflügelmast – mehrmals im Jahr überprüft würden. Einschränkungen gab es allerdings in der Corona-Zeit, als der Außendienst in der Kreisverwaltung – „zum Schutz der Mitarbeiter vor einer Infektion“ – heruntergefahren wurde. Jetzt will das Veterinäramt wieder sukzessive in den Normalbetrieb schalten.

Dass bei der Kontrolldichte bundesweit große Lücken existieren, belegen Zahlen, die die Bundesregierung im Juli 2018 auf eine Kleine Anfrage der Grünen vorgelegt hat. Demnach wurden im Jahr 2017 Nutztierbetriebe in Deutschland im Schnitt nur alle 17 Jahre kontrolliert. So ähnlich waren nach Angaben Gerwerts damals auch die Verhältnisse im Kreis Recklinghausen.

80 tote Rinder auf einem verlassenen Hof

Es hat auch im Vest schon krasse Fälle gegeben, in denen das Veterinäramt rigoros einschreiten musste. Erst vor wenigen Monaten habe ein Betrieb geschlossen werden müssen, berichtet der Kreisveterinär. Die Stadt nennt er aus Gründen des Datenschutzes nicht. Überregionales Aufsehen erregte vor etlichen Jahren ein Fall in Dorsten, wo auf einem verlassenen Hof 80 tote Rinder entdeckt worden waren.

„Schwere Tierschutzmängel sind jedoch Ausnahmen“, berichtet Siegfried Gerwert. Beanstandungen gebe es beispielsweise, wenn auf Weiden Verletzungsgefahr für Tiere bestünde, wenn Wassertränken nicht funktionierten oder wenn ein Stall nicht ausreichend beleuchtet oder klimatisiert sei. Bei Nachkontrollen werde dann gecheckt, ob der Mangel behoben sei. Die Zusammenarbeit mit den Landwirten bezeichnet der Chef des Veterinäramtes insgesamt als gut.

Hinweise gibt es auch vom Schlachthof oder der Molkerei

Häufig werden die Kreis-Tierärzte auch auf Hinweise Dritter tätig. Von der Tierkörperbeseitigungsanstalt erhält der Kreis einen Wink, wenn ungewöhnlich viele tote Tiere von einem einzigen Bauernhof stammen. Der Schlachthof macht Mitteilung, wenn Schweine oder Rinder in einem schlechten Zustand angeliefert werden. Die Molkerei schlägt Alarm, wenn in einer Milchcharge Antibiotika nachgewiesen werden. „Wir gehen diesen Hinweisen nach“, versichert Siegfried Gerwert. Er betont, dass das Risiko, das etwas schiefläuft, allerdings nichts mit der Größe eines Betriebs zu tun habe. Es komme vielmehr auf den Betriebsleiter an. Er sei derjenige, der die Fehler mache oder möglicherweise sogar überfordert sei; vor allem, wenn die Tiere nur im Nebenerwerb gehalten würden.

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