Hochwasser

Sind die statistischen Prognosen überhaupt noch gültig?

Der Hochwasserschutz an Lippe und Emscher soll Ereignissen vorbeugen, mit denen statistisch alle 250 Jahre zu rechnen ist. Die jüngste Flutkatastrophe hat gezeigt, dass es auch viel schlimmer kommen kann.
Der Lippeverband erneuert derzeit die Hochwasserschutzdeiche an der Lippe zwischen Haltern-Lippramsdorf und Marl. Die Kugeltanks im Marler Chemiepark sollen dadurch ebenfalls geschützt werden. © Meike Holz

Die Deiche an der Lippe sollen einem Hochwasser standhalten, das statistisch alle 250 Jahre vorkommt. „Wir fragen uns mittlerweile, ob diese Richtwerte überhaupt noch gelten“, sagt Ilias Abawi, Sprecher von Lippeverband und Emschergenossenschaft in Essen. Was ihm zu denken gibt, ist der Fakt, dass ein sogenannter Jahrhundertregen mittlerweile schon mehrfach innerhalb eines Sommers auftreten kann.

NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) hat sich in dieser Woche angesichts der Unwetterkatastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz für Hochwasserprognose-Systeme und Messanlagen auch an kleineren Flüssen ausgesprochen. An Emscher und Lippe, die durch den Kreis Recklinghausen fließen, ist derartige Vorsorge längst getroffen worden, berichtet Abawi. „Wir erstellen täglich Prognosen, was in puncto Wetter und Hochwasser auf uns zukommt.“ Zugrunde lägen Daten des Deutschen Wetterdienstes, ein eigenes Regenradar sowie eine permanente Überwachung der Flusspegel. Ein Ampelsystem – rot, gelb, grün – gebe Auskunft über die aktuelle Lage.

Deiche und Pumpwerke sind neuralgische Punkte

Werden bestimmte Warnschwellen überschritten, wird automatisch eine Einsatzbereitschaft ausgelöst. Verschärft sich die Lage, folgt die Einrichtung einer Hochwasserzentrale. Mitarbeiter werden zu den neuralgischen Punkten wie Deiche und Pumpwerke geschickt, um vor Ort die Situation in Augenschein zu nehmen. Die Entscheidung, ob eine Alarmierung der Bevölkerung oder sogar eine Evakuierung erforderlich ist, müssten dann Kommunen und Bezirksregierung treffen, erläutert der Sprecher von Emschergenossenschaft und Lippeverband (EGLV).

Das zurückliegende Hochwasser in NRW und Rheinland-Pfalz hatte eine Intensität, die nach bisheriger Einschätzung der Experten nur einmal alle 10.000 Jahre (!) vorkommt. Die Städte an Emscher und Lippe sind jedoch glimpflich davongekommen. „Wir hatten Glück“, räumt Ilias Abawi ein. „Regenfluten wie in Ahrweiler hätte die Emscher wahrscheinlich auch nicht gepackt.“

Mit der Renaturierung von Emscher und Lippe wird jedoch auch Vorsorge getroffen. „Bei allen Planungen kalkulieren wir ein, wie sich die Situation in den kommenden Jahrzehnten entwickeln könnte.“ Dass Starkregen intensiver und häufiger auftrete, sei längst nicht mehr zu ignorieren. „Mit solchen Extremfällen müssen wir rechnen.“

Rückhaltebecken nehmen den Druck aus dem Kessel

Bei der Regenflut Mitte Juli haben große Regenrückhaltebecken an der Emscher den Druck aus dem Kessel genommen und dafür gesorgt, dass flussabwärts Städte wie Castrop-Rauxel, Recklinghausen und Herten halbwegs glimpflich davongekommen sind. Das neue Becken in Dortmund-Mengede zum Beispiel ist doppelt so groß wie der Phönixsee. Da passen sieben Millionen Badewannen-Füllungen rein. Als die Emschergenossenschaft das Regenrückhaltebecken gebaut habe, habe sich mancher ob der Dimension verwundert die Augen gerieben, erzählt Ilias Abawi. „Jetzt hat sich das Stauvolumen bezahlt gemacht.“

Auch die Erweiterung der Auenlandschaft an der Lippe trägt dazu bei, dass die Hochwasserwelle gedrosselt werden kann. Allein die Rückverlegung der Deiche zwischen Haltern-Lippramsdorf und Marl („HaLiMa“) verschafft der Natur 60 Hektar Überflutungsflächen; das entspricht 85 Fußballfeldern. Die neuen Lippeschleifen in Datteln-Ahsen geben dem Fluss ebenfalls mehr Raum.

„Hundertprozentigen Schutz gibt es nicht“

Einen hundertprozentigen Schutz aber wird es nie geben, räumt EGLV-Sprecher Abawi ein. Denn das Wetter sei zwar vorhersehbar, allerdings trotzdem auch unberechenbar. „Ein Restrisiko bleibt!“

Deshalb muss auch künftig mit dramatischen Situationen gerechnet werden wie im Januar 2003. Da erreichte das Lippe-Hochwasser in Dorsten mit 9,88 Metern einen historischen Höchststand. Nur durch die Hebung einer Brücke und die provisorische Erhöhung eines Deiches auf einer Strecke von rund 600 Metern konnte verhindert werden, dass das Wasser in die Stadt flutete.

Lesen Sie jetzt