Bundestagswahl im Vest

Stimmen zur Wahl: Zwischen Euphorie und Ernüchterung

Frank Schwabe (SPD) und Thorben Terwort (Die Grünen) setzen auf eine „Ampel-Koalition“. Mathias Richter (FDP) denkt, dass sie erst dann in den Blick genommen werden sollte, wenn alle anderen Gespräche gescheitert wären. Das sagen führende Politiker aus dem Kreis Recklinghausen zum Ausgang der Bundestagswahl:
Frank Schwabe ist erneut in den Bundestag gewählt worden. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Frank Schwabe (SPD-Kreisverbandsvorsitzender und erfolgreicher Direktkandidat im Wahlkreis 121):

„Die Stimmung auf unserer Wahlparty ist hervorragend. Wenn man sieht, dass sich zwei Drittel der Wähler Olaf Scholz als Bundeskanzler vorstellen können und die Dynamik bei uns Sozialdemokraten im Vergleich zu vor vier Jahren betrachtet, kann man daraus einen klaren Wähler-Auftrag ableiten, zusammen mit den Grünen eine Regierung zu bilden. Dazu wird sich die FDP jetzt verhalten müssen. Das wäre übrigens auch fürs Ruhrgebiet wichtig. Denn eine finanzielle Entlastung – Stichwort Altschulden – wird es nur in einem Koalitionsvertrag mit der SPD geben – oder gar nicht. Mein gutes persönliches Ergebnis sehe ich als Ehre und Verpflichtung gleichermaßen.“

Michael Breilmann (CDU-Kreisvorsitzender und Direktkandidat im Wahlkreis 121):

„Wir haben als CDU/CSU im Bund deutliche Verluste eingefahren, da kann man nicht drum herumreden. Diesen Negativ-Trend haben wir auch hier vor Ort zu spüren bekommen, obwohl wir im Kreis einen engagierten Wahlkampf geführt haben. Eine Regierungsbeteiligung ist immer wichtig. Eine ‚Jamaika-Koalition‘ wäre möglich, und deshalb hoffen wir also auch darauf.“

Thorben Terwort (Die Grünen, Kreisverbandsvorstand):

„Die Grünen haben im Bund gut zugelegt. Deshalb sollte der Wähler-Auftrag klar sein: Die Grünen müssen an einer Regierung beteiligt werden, ihre Politik und ihre Werte müssen dort zur Geltung kommen. Das geht nur mit einer ‚Ampel‘.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Sie sind ein Zeichen gegen den Kanzlerkandidaten Armin Laschet und für einen Politikwechsel. Die CDU wurde klar abgewählt. Eine ‚Jamaika-Koalition‘ wäre nur eine Wiederbelebung der CDU, dafür stehen wir nicht zur Verfügung. Auf Kreisebene haben wir immer zwei, drei Prozentpunkte weniger als im Bund. Das ist nichts Neues. Wir haben hier aber trotzdem einen guten Wahlkampf gemacht.“

Mathias Richter (FDP-Kreis-Chef):

„Wir haben im Bund zum zweiten Mal ein zweistelliges Ergebnis erzielt, sind gestärkt. Das haben wir aus eigener Kraft geschafft, ohne einen Koalitionswahlkampf zu führen. Und im Kreis Recklinghausen können wir zudem darauf hoffen, dass wir mit Robert Heinze einen Bundestagsabgeordneten stellen werden. Das Ergebnis insgesamt ist eine Herausforderung für die Politik und die Parteien. Die Kunst besteht jetzt darin, Mehrheiten zu organisieren, die die politischen Interessen der Wähler insgesamt abbilden. Ich habe eine gewisse Fantasie für eine ‚Jamaika‘- statt der ‚Großen Koalition‘. Aus der Perspektive der FDP gibt es gewisse Übereinstimmungen mit der Union. Ich fände es schön und gut, wenn wir beim Thema des Klimawandels, das bei den Grünen im Vordergrund steht, gemeinsame Lösungen vereinbaren könnten. Die ‚Ampel‘ müsste in den Blick genommen werden, wenn alle anderen Gespräche gescheitert wären.“

Lutz Wagner (AfD, Kreisverbandssprecher und Direktkandidat im Wahlkreis 121):

„Wir hatten uns im Bund etwas mehr erhofft. Aber wir sind stabil über zehn Prozent, haben eine Stammwählerschaft. Wir sind da und wir bleiben da.

Auch wenn man vor vier Jahren wollte, dass wir schnell wieder aus dem Parlament verschwinden. Thematisch hatten wir einen schweren Stand, weil es viel ums Klima ging und wir da eine Einzelmeinung vertreten. Wir haben im Kreis Recklinghausen einen verdammt guten Wahlkampf gemacht. An den Ständen sprechen inzwischen mehr Leute mit uns, die Resonanz ist freundlicher geworden.“

Jürgen Flaisch (Die Linke, Kreisverbandsvorsitzender):

„Uns war klar, dass es im Bund knapp werden würde, aber so knapp: Das ist dann schon enttäuschend. Ich erkläre es mir damit, dass sich zuletzt alles auf die drei Kanzlerkandidaten zugespitzt hat, und wir dabei vielleicht etwas ins Hintertreffen geraten sind. Rot-Grün-Rot hatten wir im Hinterkopf, aber die Frage danach stellt sich im Moment nicht mehr. Die Stimmung an unseren Info-Ständen hatte eigentlich etwas anderes ausgesagt. Da sind die Leute auf uns zugekommen, haben das Gespräch mit uns gesucht. Wir hatten ein gutes Programm, gerade beim Klima und im Sozialen. Ich weiß nicht, ob das nicht vermittelt werden konnte oder woran es am Ende lag.“