Ein Fest des deutschen Films Zur Eröffnung kommt ein Hollywood-Star

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Missing Films
Das Lüner Kinofest eröffnet mit „Orphea in Love“: Nele (Mirjam Mesak) und Kolya (Guido Badalamenti) fühlen sich zueinander hingezogen. Sie singt für ihr Leben gern Opernarien, er ist ein begnadeter Streetdancer. © Missing Films
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In Lünen hat man sich der Pflege des deutschen Films verschrieben, auch die 32. Ausgabe des Kinofestes präsentiert wieder sehenswerte Arbeiten jenseits öder Kommerzformeln.

Was nicht heißt, dass hier Unterhaltung gegen Niveau den Kürzeren zöge. Schon der Eröffnungsfilm „Orphea In Love“ (Mittwoch, 18 Uhr, „Cineworld“) legt einen Spagat zwischen Hochkultur und Schmachtfetzen hin, wenn Amateursängerin Nele (Profi-Sopranistin Mirjam Mesak) und der Straßentänzer Kolya (Guido Badalamenti) sich verlieben.

In Form eines Musicals

Wobei Oper und Gefühl natürlich zusammengehören und hier die Form des Musicals annehmen. Regisseur Axel Ranisch siedelt die Handlung im Alltag an, wo Nele im Callcenter jobbt, Kolya in einer Ruine haust.

Auf einmal steht Magie im Raum: Nele legt das Telefon weg und singt eine Arie, Kollegen im Callcenter sind der Chor. Einer von Neles Tagträumen, fantastischer Realismus ist das Stichwort.

Okay, die Geschichte ist ziemlich luftig, ihre Nebenstränge versanden, die Kopfreise mit Gesang wird vielleicht überstrapaziert. Aber: Wenn im Park eine Händel-Arie erklingt, Kolya tänzerisch dazu improvisiert, ist das ein traumhaft beschwingter Kinomoment.

Zur Eröffnung kommt ein Star

Zur Eröffnung ehrt das Festival auch einen hohen Gast. Mario Adorf wird im Saal sein und den erstmals verliehenen „Nike“-Preis für sein Lebenswerk bekommen. Das Kinofest würdigt ihn mit mehreren seiner Filme, darunter „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (Donnerstag, 16 Uhr,) Mario Adorf nimmt im Anschluss zum Gespräch Platz.

Neben „Orphea In Love“ stehen acht weitere Filme im Wettbewerb um die „Lüdia“, dem Hauptpreis des Festivals, drei davon feiern am Donnerstag Premiere. Hannah Dooses „Wann kommst Du meine Wunden küssen“ (20.15 Uhr) ist ein reifes, intelligentes Psychodrama um drei Frauen.

Ein großartiges Damentrio

Sie waren beste Freundinnen, als sie sich nach Jahren im Schwarzwald treffen, liegt Spannung in der Luft, alte Wunden reißen auf. Laura (Gina Henkel) hat Maria (Bibiana Beglau) den Partner ausgespannt (Alexander Fehling).

Marias Schwester (Katarina Schröter) ist todkrank und fühlt sich von Maria im Stich gelassen. Zu Sorgen um den elterlichen Hof gesellen sich Schatten der Vergangenheit.

Ein starker Film, getragen von einem groß aufspielenden Damentrio. Alle Tonlagen sitzen – auch die der Musik, die winterliches Land-Ambiente mit urbanen Elektrosounds unterlegt.

Sequenzen wie in „Brazil“

Vorher (17.30 Uhr) läuft Sophie Linnenbaums „The Ordinaries“. Eine satirische Parabel, die in manchen Sequenzen an Terry Gilliams‘ „Brazil“ erinnert. In diesem Absurdistan wird das Filmbusiness zur Metapher der dystopischen Klassengesellschaft. Leute sind gebürtige Haupt- oder Nebenrollen oder arme „Outtakes“, die in Fabriken für Filmgeräusche schuften. Zwinkernder Cineastenspaß voller Zitate und Fachbegriffe.

Ohne Vorwissen, rein menschlich, erschließt sich die jüdische Familienchronik, die Sandra Prechtel in der Doku „Liebe Angst“ (20.30 Uhr) aufblättert. An Mutter Lore und Tochter Kim zeigt sie, wie der Holocaust auch Spätgeborene prägt. Schmerzlich für beide, aber mutig und ehrlich.

Zum Thema

Kinofest Lünen, 23.-27. 11, Cineworld Lünen, Im Hagen 3. Karten für alle Filme: www.cineworld-luenen.de

www.kinofest.film

Schiwago Film
Kati (Katarina Schröter) und Maria (Bibiana Beglau) in „Wann kommst Du meine Wunden küssen“. © Schiwago Film