Interview

Obdachlose sind sichtbarer und fordernder geworden

Manche Recklinghäuser fühlen sich gestört, andere bedrängt: Wohnungslose fallen in der verwaisten Innenstadt verstärkt auf, ihr Betteln ist extremer geworden.
Unterschlupf: An der Kellerstraße nutzt ein Obdachloser eine Nische, um dort zu schlafen. © Ulrike Geburek

„Ich fühlte mich schon fast umzingelt“, sagt die Recklinghäuserin und erzählt, dass sie am späten Nachmittag auf ihrem Weg über den Altstadtmarkt im Abstand von wenigen Metern von zwei Obdachlosen angesprochen wurde und sie ihr sogar folgten, nachdem sie ihnen kein Geld gegeben hatte. „Und einen dritten sah ich schon von Weitem auf mich zukommen. Ich war so gut wie allein in der City und fand diese Situation unangenehm.“ Darüber sprechen wir mit jemandem, der sich auskennt: Ludger Ernsting, Pfarrer des Gasthauses an der Heiligen-Geist-Straße, in dem Wohnungslose Hilfe finden, sich tagsüber aufhalten können, ein Frühstück und eine warme Mahlzeit erhalten.

Gibt es mittlerweile mehr Obdachlose, die sich in der Innenstadt aufhalten?

Nein. Corona wirkt wie ein Brennglas. Die Problematik war vor dieser Zeit nicht anders, wird aber jetzt verschärft deutlich. Die Menschen, die früher ihre Hand aufgehalten oder ihren Becher hingestellt haben, waren genauso da. Es sind nicht mehr, sie sind dafür aber sichtbarer geworden, weil all die anderen, die sich sonst in einem Strom durch die Fußgängerzone bewegen, in weit geringerer Zahl unterwegs sind. Das stört manche, andere rührt es an.

Aber dennoch hat sich das Verhalten der Wohnungslosen verändert. Sie sind fordernder geworden. Nicht wahr?

Ja, das ist bei einigen so. Oft bleibt diesen Menschen aber auch nichts anderes übrig. In solch einer Situation verändern sie ihre Überlebensstrategie. Sie müssen aktiver werden und auf die wenigen zugehen, die ihnen begegnen.
Vermutlich sind die Spenden extrem zurückgegangen?
Natürlich. So wie den Geschäften rundherum die Kunden weggebrochen sind, so ist auch die Zahl der Geber geschrumpft. Also gilt es, die Initiative zu ergreifen, um einen Teil dessen zu erwirtschaften, was sonst an Spenden zusammengekommen ist. Die Läden haben schließlich auch ihr Konzept verändert.

Was erzählen Ihre Gäste über die aktuelle Situation auf der Straße?
Sie berichten, dass es dort ein ganzes Stück schwieriger geworden ist. Sie erzählen aber auch von einer großen Solidarität. Da sind Menschen, die sie besonders unterstützen, die ihnen warmherzig etwas geben.
Ist der Andrang in Ihrem Haus größer geworden?
Ja, etwa um 20 Prozent. Zu den Mahlzeiten besuchen uns zwischen 25 und 45 Menschen, am Wochenende bis zu 50. Insgesamt sind es bis zu 70 am Tag. Sie nutzen die Sozialberatung und die Möglichkeit der Begegnung oder benötigen Hilfe in unterschiedlichen Bereichen.
Können Sie das auffangen?
Ja, das geht, obwohl unser Platz sehr beengt ist. Aber bei schönem Wetter können wir unseren Garten nutzen. Außerdem haben wir ein Zelt angeschafft, das uns vor dem Haus noch einmal einen Puffer gibt. Am Wochenende nimmt der Besuch dann zu, weil andere Hilfeeinrichtungen geschlossen haben. Corona macht diese Misere, die ein gesellschaftliches Phänomen unserer Zeit ist, noch einmal deutlich.

Zurück zu der Frau, die sich bedrängt gefühlt hat. Wie sollten sich die Angesprochenen in dieser Situation verhalten?
Die Entscheidung über das eigene Geld liegt bei jedem selbst, wie auch mein Verhältnis zu dem Menschen, der mir begegnet. Wenn ich etwas spenden möchte, sollte ich das tun. Und wenn nicht, dann nicht. Das andere ist, und das kann ich nicht von jedem verlangen, aber zumindest hat Jesus uns das vorgelebt: Es gibt eine Nähe zu jenen, denen es nicht so gut geht. Und wir als Christen sind dazu eingeladen, das miteinander zu teilen, was wir haben. Doch es geht nicht allein ums Geld. Ich könnte dem Menschen auch einen Kaffee ausgeben. Oder ich spreche ihn an und frage ihn, wie er sich fühlt, wie es ist, den ganzen Tag draußen verbringen zu müssen. Ich weiß, das kann nicht jeder. Aber eigentlich sollten wir ganz normal miteinander umgehen. Genauso wie ich mich auch mal mit anderen, die ich nicht kenne, auf dem Marktplatz darüber unterhalte, dass mir die Tauben wieder auf den Kopf gekleckert haben.
Ist den Männern und Frauen, die auf der Straße leben, nicht zu helfen?
Grundsätzlich gibt es ein gutes Sozialsystem bei uns. Trotzdem wird es nicht allen Biografien und allen Lebensläufen gerecht. Denn da sind Menschen, die sind vom Leben überfordert. Sie halten dem Druck nicht stand. Oder Menschen haben in ihrer Kindheit, Jugend oder auch als Erwachsene Situationen erfahren, die einen dauernden Bruch bedeuten, die sie bleibend prägen. Diesen emotionalen und psychischen Verletzungen kann ich materiell nicht abhelfen. Das muss ich anders aufarbeiten. Doch ein gutes, niederschwelliges Angebot, das der Breite der Lebenswirklichkeiten entspricht, gibt es zu selten in unserer Gesellschaft.
Was sind das für Brüche, von denen Sie sprechen?
Trennung, sodass es dem Menschen den Boden unter den Füßen weggerissen hat. Todesfälle, plötzlich ist der Partner gestorben oder ein Elternteil. Manchmal Arbeitsunfälle. Ein anderer hat den Beruf verloren, der ihm alles bedeutete. Und dann gibt es viele, die psychisch geschädigt sind, wie und wodurch auch immer. Diese Zahl hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen.
Wohnungslose und Ausgangssperre: Das ist doch ein Widerspruch in sich. Oder?
Natürlich. Wenn die Menschen keine Wohnung haben, besitzen sie keinen Schutzraum, in den sie sich zurückziehen können. Sie bleiben also weiterhin in der Öffentlichkeit. Was sollen sie sonst machen? So viele Plätze hat die Polizeistation nicht und auch nicht die städtische Übernachtungsstelle.

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