Karriere

„Recklinghausen war entscheidend“

Gabriele Regina Overwiening (58) ist die erste Frau an der Spitze der deutschen Apothekerschaft. Ihre Jahre in der Alten Apotheke an der Breiten Straße prägten die Unternehmerin.
Vorreiterin: Als erste Frau schaffte es Gabriele Regina Overwiening an die Spitze der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. © Wagenzik

Der Kampfgeist, mit dem die Präsidentin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) zu Jahresbeginn ihr Amt antrat, war einem Recklinghäuser Pharmazeuten in bester Erinnerung. Rudolf Strunk (70), Apotheker im Ruhestand, hat Gabriele Regina Overwiening (58) nach ihrer Approbation 1987 als junge Pharmazeutin in seiner Alten Apotheke in der Breite Straße tagtäglich erlebt.

Die vierfache Mutter, die in Haltern lebte und in Recklinghausen als Angestellte arbeitete, hat seit Monaten eine enorme Medienpräsenz. Wenn sie nicht ausschließt, dass es noch in 2021 impfende Pharmazeuten und Pharmazeutinnen geben wird, dann produziert sie Schlagzeilen. Den noch rund 18.700 Apotheken in Deutschland verordnet die erste Frau an der Spitze ihres Berufsstandes, die Digitalisierung im Gesundheitswesen sehr aktiv mitzugestalten.

Sie sprechen mit Jens Spahn über Apotheken als wichtigen Teil der Pandemiebekämpfung, stehen landesweiten Medien fast täglich Rede und Antwort. Erinnern Sie sich da noch an Recklinghausen?

Oh ja, sehr wohl. Ohne meine Recklinghäuser Zeit in der Alten Apotheke – schade, dass es dieses Schmuckstück von guter Apotheke nicht mehr gibt –, also ohne Herrn Strunk, wäre ich nicht da, wo ich heute bin.

Recklinghausen war entscheidend für ein Novum in der Geschichte Ihres Berufsstandes, nämlich Ihrer Wahl zur ersten Präsidentin der ABDA?

Recklinghausen war entscheidend. Denn mein erster Arbeitgeber hat mich nicht nur fachlich geschult und damit auch die Grundlage für meine spätere Selbstständigkeit gelegt. Rudolf Strunk hat mein berufspolitisches Interesse geweckt, indem er mich einfach zu Kammersitzungen, ich glaube es waren Fachausschüsse, mitgenommen hat. Das war ein sehr wichtiger Impuls. Denn ich bin bis dato davon ausgegangen, das ganze Kammerwesen sei ein in sich geschlossenes System. Da kommen Außenstehende nicht rein.

Und Frauen schon gar nicht?

Ich weiß gar nicht, ob ich so gedacht habe. Aber klar, das kam sicher noch hinzu. Deshalb bin ich ja Rudolf Strunk dankbar, mich einfach an die Hand genommen zu haben. Und wir haben berufspolitische Themen diskutiert. Aber 30 Jahre später müssen wir immer noch konstatieren: Der Frauenanteil unter deutschen Apothekern liegt zwar bei etwa 73 Prozent, aber Frauen sind zumeist im Offizin, im Verkaufsraum der Apotheke zu finden. Im gesamten Gesundheitswesen besetzen zumeist Männer die Spitzenpositionen. Aber ich bin mir sicher, das Bewusstsein in Sachen Parität wächst.

Hat Ihre Wahl zur ABDA-Präsidentin dabei eine Leuchtturmfunktion?

Wäre wünschenswert. Ein Signal an Frauen, sich berufspolitisch zu engagieren, ist es sicherlich. Wiewohl das nicht immer ganz einfach ist, neben Familie und Beruf auch noch zu Kammerversammlungen zu marschieren. Ich bin seit 2000 selbstständig, habe eine Apotheke in meiner Heimatstadt Reken und bin darüber hinaus verantwortlich für drei weitere Apotheken. Ich weiß also, wie das ist, neben Familie und Beruf noch Berufspolitik zu machen. Ende der 1990er-Jahre war ich nun mal als Delegierte in die Kammerversammlung der Apothekerkammer Westfalen-Lippe gewählt worden. Es musste also irgendwie gehen, das mit der Verantwortung für Familie, Selbstständigkeit und Berufspolitik.

Und es ging ja auch. Gut 20 Jahre später sind Sie die erste Chefin eines Jahrhunderte alten Berufsstandes. In Trier wurde bereits 1241 die erste Stadt-Apotheke urkundlich erwähnt. Was haben Sie sich für die nächsten vier Jahre Ihrer ersten Amtsperiode vorgenommen?

Wir müssen die Apotheke vor Ort stabilisieren und zukunftsfest machen. Das wird uns nur gelingen, wenn wir – wie immer wieder betont – die Digitalisierung im Gesundheitswesen aktiv mitgestalten. Zum Zweiten müssen wir dafür sorgen, dass die pharmazeutischen Dienstleistungen ein Erfolgsmodell werden. Das verbessert nicht nur die Versorgung, sondern gibt uns auch die Chance, eine neue Vergütungssäule aufzubauen und den Beruf attraktiver zu machen. Und drittens gilt es, der beunruhigenden Bagatellisierung von Arzneimitteln klar entgegenzutreten. Das wird viel Arbeit, aber sie wird sich lohnen.

Wie wichtig ist Ihnen das Miteinander von Ärzteschaft und Apothekern?

Sehr wichtig. In meiner Familie lebt man das unmittelbar. Zwei meiner drei Töchter sind Ärztinnen und mein Sohn ist Apotheker. Da wird man täglich darauf aufmerksam gemacht, wo es gut läuft und wo es hakt. Ich glaube, dass wir da am Anfang sind, diese interprofessionelle Zusammenarbeit mit der Ärzteschaft mit Hilfe der digitalen Welt zu intensivieren. Ich sehe keine Alternative.

In der Pandemie ist die Halbwertszeit von Nachrichten nicht besonders groß. Sie werden die Informationsflut sicherlich täglich managen und bewerten müssen. Was lässt sich aber generell zur Rolle der Apotheken in der Pandemie sagen?

Was wichtig ist, dass wir Apothekerinnen und Apotheker zeigen können, dass wir ein Teil der Lösung sind. Patientinnen und Patienten nehmen uns heute viel deutlicher als Heilberufler wahr. Weil wir vor Ort helfen. Bei den Corona-Tests sind wir den Patientinnen und Patienten körperlich deutlich nähergekommen als in normalen Zeiten. Um die Antigentests anbieten zu können, mussten wir noch mal schulen und neu erlernen. Die Apothekerinnen und Apotheker haben in der Fläche geholfen, dass diese Testlogistik überhaupt aufgebaut wurde. Das ist nur ein Beispiel. Es ließe sich vieles anfügen. Allen Recklinghäusern ein schöner Gruß und bleiben Sie gesund.

Zu Person

Das ist Gabriele Regina Overwiening

  • geb.: 15.05.1962, Reken
  • Studium und beruflicher Werdegang: 1983-1986 Pharmaziestudium, Hamburg, 1987 Approbation als Apothekerin, seit 2000 Inhaberin der Apotheke am Bahnhof, Reken, seit 2015 Gründung der Burg-Apotheke, Heek, als Filiale der Apotheke am Bahnhof, seit 2019 Gründung der Apotheke am Borkener Klinikum, als Filiale der Rekener Apotheke am Bahnhof
  • Standespolitische Funktionen: seit 2001 Apothekerkammer Westfalen-Lippe, Mitglied des Vorstandes, 2005-2009 Apothekerkammer Westfalen-Lippe, Vizepräsidentin, seit 2009 Apothekerkammer Westfalen-Lippe, Präsidentin und Vorstandsvorsitzende, 2013-2016 Bundesapothekerkammer, Mitglied des geschäftsführenden Vorstandes, seit 2021 ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, Präsidentin

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