Wochenkommentar

Schlechte Zeiten für Querdenker

Die zu Ende gehende Woche war in Recklinghausen ausnahmsweise einmal voller guter Nachrichten. Für einige Irritation sorgten allerdings Wildwest-Szenen auf unseren neuen Fahrradstraßen.
Kommentator Joachim Schmidt meint, auch Radfahrer sind nicht immer Unschuldsengel. © Ralf Wiethaup

Das insolvente Unternehmen Askania ist gerettet. Bei Hella starten Betriebsärzte mit dem Impfen. Die Sieben-Tage-Inzidenz in Recklinghausen pendelt nur noch zwischen 15 und 20. In den Krankenhäusern hat sich die Lage entspannt. Und dann auch noch der Fall der Maskenpflicht mit substanziellen Erleichterungen beim Einkaufen, Sport treiben, Essen gehen… Es gab schon schlechtere Wochen in Recklinghausen. Zwar ist das Virus noch immer unterwegs, aber die Gefahren sind geringer. Was nun tun mit den Lockerungen?

Der Inzidenzwert 50 und die gescheiterte Machtübernahme

Für viele von uns ist es nach 16 Monaten mehr oder weniger starker Kontaktbeschränkungen ja schon fast normal geworden, dass wir nicht mehr normal leben. Ich gestehe, dass ich vor allem einen Wunsch hege, den wir „weißen alten Männer“ sonst gerne Frauen unterschieben. Ich möchte mal wieder ohne Stress live vor Ort in einem Schuhgeschäft Schuhe anprobieren – und gleich zwei Paare kaufen. Und danach ist mein Lieblingsitaliener dran…

Für Querdenker, die vor der Merkel-Diktatur oder der Machtübernahme durch die Illuminaten warnen, sind dies natürlich schlechte Zeiten. Erst vor gut zwei Wochen habe ich es abgelehnt, einen Beitrag aus besagter Szene in unseren Medien zu veröffentlichen, der behauptete, der Corona-Inzidenzwert von 50 sei von Merkel & Co. nur deshalb gewählt, weil wir ihn nie erreichen und für immer im Lockdown bleiben müssten. Müssen wir nicht, wie man nun sieht. Und die Querdenker sind in den letzten Tagen erfreulich still geworden. So ist das mit Weltuntergangsszenarien: Die meisten lagen bisher falsch. Und wer weiß, ob sich im nächsten Jahr um diese Zeit nicht sogar viele Längs- oder Querdenker „die Merkel“ zurückwünschen – allein schon als Gegner.

Verkehrswende absurd: „Weg hier, das ist eine Fahrradstraße!“

Zwischen all den guten Nachrichten für Recklinghausen stach in dieser Woche eine irritierende Nachricht hervor. Im Süden der Stadt geraten Radfahrer immer häufiger mit allen anderen Verkehrsteilnehmern aneinander, weil sie sich auf den neuen Fahrradstraßen grundsätzlich mit einer Vorfahrt ausgestattet fühlen, die sie nicht haben. Da hat das Bekenntnis der Stadtspitze zu Klimaschutz und Ökologie unabsichtlich zu absurden Wildwest-Szenen geführt. Offenbar ist es nötig, den Ordnungsdienst, der jetzt nicht mehr die Einhaltung der Maskenpflicht kontrollieren muss, direkt weiter zum nächsten Brennpunkt zu schicken: zu den Fahrradstraßen.

Ohne jetzt gleich die Schuldfrage klären zu wollen, muss zumindest festgehalten werden: Obwohl die Fortbewegung auf dem Fahrrad umweltfreundlich ist, sind nicht automatisch alle Radler Unschuldsengel. In diesem Sinne: eine schöne nächste Woche!

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