Schule

„Wir brauchen eine Ausbildungsoffensive für den Offenen Ganztag“

Die Wartelisten für die Ganztagsbetreuung an Grundschulen sind lang. Wenn ab 2026/27 der Rechtsanspruch besteht, müssen die Weichen jetzt gestellt werden, sagt Miriam Maiburg von der Awo.
Miriam Maiburg koordiniert bei der Awo die Offenen Ganztagsschulen im Kreis Recklinghausen. © Meike Holz

Der Bedarf von Eltern, ihr Kind bis zum Nachmittag in der Schule betreuen zu lassen, steigt. Dies stellt Städte und die mit dem Offenen Ganztag betrauten Verbände vor Probleme. Kinder, die dringend einen Platz benötigen, werden abgewiesen, bedauert Miriam Maiburg. Sie ist Bereichsleiterin Schule bei der Arbeiterwohlfahrt. Die Awo bietet an 36 Grundschulen im Kreis Recklinghausen Ganztagsbetreuung an. Maiburg spricht über die Herausforderungen während Corona und über die Anforderungen, wenn der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz geschaffen wird.


Ich erinnere mich noch an die Anfänge der Offenen Ganztagsschule vor mehr als 20 Jahren. Da lautete oft der Vorwurf, es fehle ein pädagogisches Konzept und die Kinder würden nach Schulschluss nur verwahrt. Ist OGS heute ein Erfolgsmodell?

Miriam Maiburg: Ich denke, es hat sich dazu entwickelt. Wobei es mir da gar nicht so sehr nur um unseren Anteil daran geht, sondern um die Rückmeldung von den Kindern. Wenn sie sagen, dass sie den Offenen Ganztag gerne besuchen, ist das für mich der wichtigste Indikator. Und ja, ehrlicherweise muss man sagen, dass sich das Ursprungsmodell auf reine Betreuung bezog. Das waren engagierte Mütter, die mit ganz viel Herzblut ein Betreuungsangebot ermöglicht haben. Weil der Bedarf an Plätzen rasch gestiegen ist, mussten professionelle Strukturen her. Denn da galt es nicht mehr nur zehn Kinder zu betreuen, sondern bis zu 200 an einer Schule. Um von einem wirklichen Erfolgsmodell sprechen zu können, müssen sich die Rahmenbedingungen aber noch weiter verbessern!

Und damit kann der Bedarf schon jetzt nicht annähernd befriedigt werden.

Maiburg: Wir haben an fast allen Schulen Wartelisten. Viele Kinder werden abgewiesen, weil sie nicht den Kriterien entsprechen. Der klassische Fall ist ja der, dass beide Elternteile berufstätig sind – dann kriegt man schon eher einen Platz. Aber was ist mit Kindern, die einen erhöhten Betreuungs- und Förderbedarf haben, obwohl ihre Eltern zu Hause sind? Manche sprechen zum Beispiel einfach nicht gut genug Deutsch, um ihren Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen oder mit ihnen zu lernen. Ich finde, das hat mit Chancengleichheit nicht viel zu tun.

Das ändert sich ja 2026/27, wenn jedes Kind einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz hat.

Maiburg: Grundsätzlich ist das die richtige Entscheidung. Aber da wartet viel Arbeit auf die Kommunen – und auf uns. Denn schon jetzt stoßen wir mit den räumlichen Bedingungen an Grenzen. Entweder müssen neue Räume für den Ganztag geschaffen werden oder die Klassenräume müssen so ausgebaut werden, dass sie auch nachmittags anderweitig genutzt werden können. Es wird aber nicht ausreifen, zwei Kellerräume zusätzlich freizuräumen und einen dritten Raum unter dem Dach. Das hat mit pädagogischer Arbeit nichts zu tun und ist auch personell nicht leistbar.

Das Personal wächst ja auch nicht auf den Bäumen. Schon jetzt herrscht ja zwischen den Trägern ein heftiger Wettbewerb um die besten Erzieherinnen und Erzieher. Wie will die Awo das lösen?

Maiburg: Wir wollen ein guter Arbeitgeber sein und dies sichtbar machen. Hier machen wir unsere Hausaufgaben. Aber das wird nicht reichen. Da sehe ich Bund und Land in der Pflicht. Es muss eine Ausbildungsplatz-Offensive geben, und das sehr schnell. Wir bemühen uns zwar auch, über das Anerkennungsjahr und die duale Ausbildung selber Erzieher auszubilden. Aber dies können wir nur in großen Einrichtungen umsetzen, weil diese Stelle dann nicht mit einem Erzieher besetzt werden kann – der Personalpool ist ja gedeckelt.

Fakt ist aber auch, dass es kaum Erzieher auf dem Markt gibt – jedenfalls keine, die speziell für die OGS ausgebildet sind.

Maiburg: Das stimmt. Es gibt viel mehr Erzieher mit einem Kita-Hintergrund. Da sind andere Qualitäten und Fähigkeiten gefordert als bei uns. Dabei ist die OGS ein spannender Ort für junge Erzieher.

Die Aufgabe mag ja noch so reizvoll sein. Die Bezahlung ist es aber nicht. Erklärt dies den Personalmangel?

Maiburg: Das trägt zweifelsohne dazu bei. Die meisten Stellen sind mit 20 oder 25 Stunden versehen. Damit kann man kaum seinen Lebensunterhalt bestreiten, wenn man keinen Partner an der Seite hat, der ebenfalls arbeitet. Ich kenne viele, die noch einen zweiten Job haben, um über die Runden zu kommen. Mit 30 oder 35 Stunden sieht das schon anders aus. Das ist möglich, wenn Ganztagsklassen gebildet werden und der gesamte Schultag im Tandem von Lehrkraft und Erzieherin gestaltet wird. Da es grundsätzlich an Erzieherinnen fehlt, setzen wir aber auch Ergänzungskräfte ein, die wir als Gruppenleitungen aufbauen.

Das bedeutet ja zwangsläufig, dass sie auf weniger qualifiziertes Personal zurückgreifen müssen.

Maiburg: Was aber nicht bedeuten muss, dass es weniger motivierte oder engagierte Kolleginnen und Kollegen sind. Wir wollen diese Ergänzungskräfte nicht verlieren, sondern weiter qualifizieren. Das Problem liegt in meiner Wahrnehmung ja auch darin, dass der Beruf der Erzieherin und des Erziehers in der Öffentlichkeit nicht den Stellenwert hat, den er verdient. Um Kinder bestmöglich auf das Leben vorzubereiten, braucht man aber qualifiziertes Personal.

Was macht für Sie eine gute OGS aus?

Maiburg: Eine gute OGS richtet sich nach den Bedürfnissen der Kinder. Unser Anspruch ist es, den Kindern einen geschützten Ort zur freien Entfaltung zu bieten, sie soziales Lernen in Gruppen erfahren zu lassen, gemeinsame Projekte zu machen und ihr Interesse für verschiedene Themen zu wecken und sie dort zu fördern, wo sie es brauchen. Wir möchten Kinder nach dem vierten Schuljahr entlassen, die selbstbewusst und gestärkt sind.

Was sind die Konsequenzen des Personalmangels?

Maiburg: Dass wir unseren Ansprüchen nicht immer gerecht werden können. Durch die Corona-bedingten Einschränkungen hat sich sehr deutlich gezeigt, dass wir räumlich und personell nicht gut ausgestattet sind. Es war schwierig und erforderte viel Kreativität, die geforderten Abstände einzuhalten und das Personal vorzuhalten, das die verkleinerten Gruppen betreuen sollte. Fällt dann noch krankheitsbedingt Personal aus, bricht auf einmal alles weg.

Richten wir den Blick nach vorne: Wird die Awo ihre Öffnungszeiten im Offenen Ganztag ausweiten?

Maiburg: Das ist derzeit kein Thema. Und das sage ich jetzt nicht, weil es ja auch wieder mehr Personal erfordern würde. Wir haben bis 16 Uhr geöffnet, und nur selten fragen Eltern uns, ob wir bis 17 oder 18 Uhr offen halten könnten. Häufiger erreichen uns Anfragen wegen einer Frühbetreuung.

Derzeit ist ja viel die Rede davon, dass in Schulen und in den OGS die Defizite beseitigt und die Lücken geschlossen werden, die Unterrichtsausfall und Homeschooling entstanden sind. Wie wirkt sich das bei Ihnen aus?

Maiburg: Ich habe das Gefühl, dass die Politik ständig neue Fördertöpfe aufmacht und fragt: Was könnt ihr zusätzlich anbieten? Meine Antwort: Wir brauchen nicht nur neue Projekte und Aufgaben, die uns und die Kinder überfrachten. Wir sehen doch schon jetzt, dass die Kinder kaum Zeit haben, mal Luft zu holen. Nach dem Unterricht gibt es Mittagessen, danach machen sie Hausaufgaben und am Nachmittag haben sie noch AGs. Eine Zusatzförderung sollte in die bereits vorhandenen Strukturen einfließen, die bereits Förderung und Projekte vorsehen.

Was schlagen Sie vor?

Maiburg: Mir wäre es lieber, wenn die vorhandenen Strukturen gestärkt würden. Dazu gehört eine intensivere Betreuung, die sich mehr nach den Bedürfnissen des einzelnen Kindes ausrichtet, nicht zuletzt bei den Hausaufgaben.

Welche Spuren hinterlässt Corona – bei Kindern?

Maiburg: Das können wir in Gänze noch gar nicht absehen. Wir müssen darauf achtgeben, wie sich die Kinder in ihrer Persönlichkeit entwickeln. Dabei ist Gesundheitsvorsorge nicht nur ein Thema der Hygiene, sondern muss auch viel mehr die seelische Gesundheit der Kinder in den Mittelpunkt stellen.
Nehmen wir nur mal die Zeit der Notbetreuung: Das Abstandhalten, nicht normal miteinander spielen zu dürfen, die Hygienevorschriften – das hat ihnen ja jede Leichtigkeit genommen. Mitunter kam es in dieser Phase ja auch zu absurden Zuständen: Während Kinder auf dem Spielplatz neben der Schule keine Maske mehr tragen mussten, durften unsere OGS-Kinder sie auf dem Schulhof nicht abnehmen.

Wie ist es Ihren Kolleginnen und Kollegen ergangen?

Maiburg: Es war eine große Herausforderung, die vor Ort wirklich gut gemeistert wurde. Aber die Sorge um die Gesundheit, die ständige Umsetzung neuer Vorgaben und nicht zuletzt die Abstriche, die aufgrund der Hygienevorgaben bei der pädagogischen Arbeit gemacht werden mussten, haben schon Spuren hinterlassen. Dazu kommt, dass die OGS auch vom Land nicht immer mitbedacht wurde. Ich mache das mal an einem Beispiel fest. Während der gesamten Coronazeit hat sich das Schulministerium kaum um uns und um unsere Bedürfnisse gekümmert. Wenn neue Erlasse kamen, war nahezu ausschließlich von Lehrern die Rede. Wir wurden unter „sonstigem Personal“ geführt. Habe ich Ihre Frage damit beantwortet?

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