Die Bereitschaft lässt nach

„Absurdes Anbetteln“ von Impf-Kandidaten

Es wäre ein Leichtes, sich jetzt gegen Corona impfen zu lassen. Aber die Bereitschaft lässt nach. Woran liegt das? Der Waltroper Mediziner Dr. Hermann Geldmann liefert eine Einschätzung.
Der Waltroper Arzt Dr. Hermann Geldmann wirbt fürs Impfen. Auf unserem Archivbild präsentiert er einen Grippe-Impfstoff, dieser Tage geht es natürlich vor allem um Corona. © Martin Behr (Archiv)

Dr. Hermann Geldmann muss tief durchatmen. „Wir nehmen den Leuten ja nichts weg“, sagt er. Im Gegenteil: Eine Corona-Impfung schützt sie. Und dennoch: „Wir bieten sie gerade an wie sauer Bier.“ Er weiß, wovon er spricht: Täglich hat er als Medizinischer Leiter des Impfzentrums RE mit dem Thema zu tun.

Was die zuletzt wieder gestiegenen und nun schwankenden Inzidenz-Zahlen angeht, sagt Geldmann: Die seien bei einer kleinen Stadt wie Waltrop nur begrenzt aussagekräftig, schon ein paar Infektionen mehr oder weniger führen zu großen Ausschlägen, weil der Wert ja auf 100.000 Einwohner hochgerechnet wird. Dass es aber überhaupt Neuinfektionen gebe und die Null-Inzidenz Geschichte sei, das sei „schon ein Warnsignal“, sagt der Mediziner, früher Hausarzt zahlreicher Waltroper und eigentlich nun in Pension.

Zahlen der geimpften Waltroper

Viel wird spekuliert, wie viele Waltroper denn nun eigentlich geimpft seien. Geldmann kann da mit Zahlen helfen, jedenfalls was das Impfzentrum angeht. Stand vom Mittwoch vergangener Woche (14.7.) bei den Erstimpfungen unter 18 Jahre: 42 Waltroperinnen und Waltroper; 18 bis 59 Jahre: 2879; über 60: 4087. Vollständige Impfungen: unter 18 Jahre: 21; 18 bis 59: 2905; über 60: 3927.

Heißt: Im Impfzentrum sind insgesamt 7008 Waltroper erst- und 6853 zweitgeimpft. Waltrop hat etwa 29.500 Einwohner, darunter sind freilich auch Kinder und Jugendliche.

Hinzu kommen Impfungen bei niedergelassenen Ärzten, in Betrieben, Krankenhäusern und Altenheimen. „Im Schnitt machen die Zahlen in den Impfzentren etwa 50 Prozent der Gesamtzahlen aus“, weiß Geldmann. Man müsste sie demzufolge etwa verdoppeln, um eine grobe Schätzung zu bekommen, wie viele Waltroper geimpft sind.

Hartgesottene Impfgegner schon abgeschrieben

Keine schlechten Zahlen, doch es gibt eben das aktuelle Problem: Die Hürden, sich impfen zu lassen, waren noch nie so niedrig wie jetzt – die Impfbereitschaft aber auch. Eine Erfahrung, die Geldmann mit den niedergelassenen Ärzten im Ostvest teilt. Und die Zahl der Geimpften, sie ist noch immer nicht groß genug. Geldmann sieht drei Gruppen: diejenigen, die von Anfang an unbedingt geimpft werden wollten. Die haben nach den bekannten Problemen mit der Impfstoff-Knappheit bis vor einigen Wochen inzwischen fast alle ihren doppelten Pieks bekommen. Dann gibt es die hartgesottenen Impf-Gegner, mit denen aus Geldmanns Sicht jede Diskussion zwecklos ist. Die kann man für die Impfkampagne abschreiben.

Geldmann nennt Zahlen für Waltrop

Und dann gibt es eben jene dritte Gruppe von Menschen, die man nun mit allen Mitteln erreichen will, die sich aber zieren und zu warten scheinen, bis man ihnen das Impf-Angebot noch mundgerechter macht oder bis es mehr Vergünstigungen wie in den USA gibt, wenn man sich dafür entscheidet. „Absurd“ sei es teils, wie man sie schon fast „anbetteln“ müsse, sich impfen zu lassen, sagt Geldmann. Aber im Sinne einer hohen Impfquote, die insbesondere zum Schutz vor der Delta-Variante unerlässlich ist, lässt er sich darauf ein.

Betrübt sieht er, wie leer aktuell das Impfzentrum ist: Zwischen 435 und 533 Impflinge kamen laut Kreis-Pressestelle Mitte/Ende vergangener Woche, nur am Sonntag waren es mit 936 Personen mehr, was daran lag, dass das für viele der vereinbarte Zweitimpfungs-Termin nach zwölf Wochen war. Aber selbst das bleibt ein Bruchteil der maximalen Auslastung, die bei 2500 bis 2600 Erstimpfungen (die mehr Aufklärungsbedarf und Papierkram mit sich bringen) und 3000 Zweitimpfungen (bei denen alles schneller geht) pro Tag liegt. Und das, obwohl es ja so einfach wäre. „Man kann ja jetzt irgendwo im Land spontan ins Impfzentrum gehen und sich sofort ohne Termin impfen lassen“, sagt Geldmann. Vakzin aller zugelassener Hersteller ist vorhanden.

Sascha Müllers Geschichte scheint vergessen

Und doch treffen die Ärzte immer wieder auf Patienten, die ihnen sagen, übers Impfen hätten sie noch gar nicht nachgedacht. Früher, als Geldmann noch als Hausarzt praktizierte, sagten ihm manchmal Bürger, die er auf die Auffrischungs-Impfung gegen Tetanus oder Diphtherie ansprach, das hätten sie ganz aus den Augen verloren. Das sei ja verständlich, sagt Geldmann. Aber Corona – ein Thema, das laufend in den Medien ist? Der Arzt kann sich nur wundern.

Woran diese Gleichgültigkeit liegt? Geldmann sagt, wahrscheinlich fehle es aktuell an der Anschauung, welche schweren Folgen eine Covid-Erkrankung haben könne. Viele haben, so scheint es, Geschichten wie die von Sascha Müller längst wieder vergessen, der gegenüber unserer Zeitung geschildert hatte, wie schwer es ihn selbst erwischt habe und wie lange er schon die Folgen spüre. Noch im Herbst hatte der Waltroper Bestatter mit dem sarkastischen Slogan „Corona leugnen sichert Arbeitsplätze – Danke“ bundesweit von sich reden gemacht. Den Slogan schrieb Müller jenen ins Stammbuch, die die Existenz des Virus leugneten oder es verharmlosten. Zeitweise hatte Bestatter Müller fünf bis sechs Verstorbene, die im Zusammenhang mit einer Coronavirus-Infektion gestorben waren, eingeäschert – am Tag.

Über „Long Covid“, die Langzeit-Folgen der Infektion, die in den tagesaktuellen Statistiken nicht erfasst sind, werde überhaupt viel zu wenig gesprochen, sagt Geldmann. Dabei gebe es auch in Waltrop Menschen, die heute noch massiv unter den Folgen litten. Auch das Argument, nicht jeder dürfe sich ja impfen lassen, zählt für Geldmann meist nicht. Der Anteil derer, für die das aus medizinischen Gründen gelte, liege „im Promille-Bereich.“

Der Abend in Waltrop

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