Kriegserlebnisse

Besuch aus Holland – und Franz van der Kemp ist zu Tränen gerührt

Vor 18 Jahren hatte der Waltroper Gärtnermeister und Hobby-Historiker Franz van der Kemp ein Buch über seine Kindheit geschrieben – jetzt erlebt der 89-Jährige eine faustdicke Überraschung.
Besuch aus den Niederlanden: Mark Noord und Mirjam Moonen besuchen das Ehepaar Hedwig und Franz van der Kemp. © Thomas Bartel

Samstagnachmittag im Wohnzimmer der Gärtner-Familie Van der Kemp in Leveringhausen: Senior Franz van der Kemp sitzt mit Mark Noord und seiner Lebensgefährtin Mirjam Moonen aus Amsterdam am Kaffeetisch – und Ehefrau Hedwig verteilt den frisch gebackenen Apfelkuchen. Bücher und alte Bilder liegen auf dem Tisch. Dann erzählt der Niederländer seine Geschichte – und wie er zu den Gastgebern nach Waltrop kam.

„Ich bin jetzt 60 Jahre alt und wollte endlich mal die Lebensgeschichte meines Vaters Hendrik erforschen. Der ist im Sommer 1943 von den Deutschen als Zwangsarbeiter entführt worden und in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs in der Gärtnerei der Familie Van der Kemp – damals noch in Essen-Steele – vor den Nazis untergeschlüpft. Das wusste ich nicht von meinem Vater, der leider 1976 verstorben ist, als ich erst 16 Jahre alt war. Über die Kriegszeit hatte er immer den Mantel des Schweigens gehüllt. Erst nach dem Tod meiner Mutter vor wenigen Jahren habe ich Briefe gefunden, die der Vater von Franz van der Kemp an meinen Vater geschickt hatte.“ Dank der Absenderadresse hatte Noord einen Hinweis, wo er suchen konnte.

Mark Noord zeigt ein Bild des Vaters Hendrik aus den 1940er-Jahren. © Thomas Bartel © Thomas Bartel

Ein findiger Stadtarchivar in Steele hilft weiter

Und so machte er sich jetzt im August auf ins Ruhrgebiet, nach Essen-Steele, um dort auf Spurensuche zu gehen. Die Gärtnerei Van der Kemp fand er dort nicht mehr, wohl aber einen findigen Stadtarchivar, der wusste, dass die Familie Van der Kemp nach Waltrop gezogen war, und dass Franz van der Kemp vor vielen Jahren das Buch „Achtung Achtung! Ende Ende!“ geschrieben hatte. Und siehe da, in den Kindheitserinnerungen des heute 89-jährigen Waltropers findet sich ein Kapitel über einen Zwangsarbeiter Hendrik und seinen Kollegen Jan aus Lisse in den Niederlanden. „Und nach einer E-Mail von Mark Noord haben wir ihn mit der Lebensgefährtin natürlich sofort nach Waltrop eingeladen“, sagt Franz van der Kemp – und ergänzt: „Ich war so gerührt, dass mir die Tränen kamen.“

1944 von Deutschen entführt und zur Zwangsarbeit verpflichtet

Und im gemeinsamen Gespräch fügen die beiden dann aus ihrer Erinnerung Puzzleteile zum Leben von Hendrik Noord, Jahrgang 1913, zusammen. Ein Foto aus den 40er-Jahren hatte der Sohn natürlich im Gepäck. „Im September 1944 muss Vater von deutschen Soldaten entführt worden sein, er arbeitete damals auf einem Blumenfeld in Lisse, das ist nicht weit vom heute noch bekannten Keukenhof entfernt. Wahrscheinlich musste er dann auf einem Gemüsehof schuften“, meint Noord.

Am Karfreitag 1945 kam er mit einem Kollegen in die Gärtnerei

Dann kann Franz van der Kemp erzählen: „Es war der 30. März 1945, als zwei holländische Gärtner früh morgens zu uns in die Gärtnerei kamen. Sie suchten Arbeit, Essen – und Unterschlupf vor deutschen Mordkommandos, die desertierte Zwangsarbeiter aufspüren wollten. Da mein Vater froh war, richtige Fachkräfte einstellen zu können, sagte er zu. Schließlich hatte er auch schon drei desertierte Wehrmachtssoldaten – darunter meinen Bruder Heinrich – und osteuropäische Zwangsarbeiter versteckt. Unser Hof lag eben etwas abgelegen.“ Aber in den Luftschutzbunker trauten sich diese Menschen natürlich nicht, aus Angst, dass sie jemand verraten könnte.

Ein besonderer Dank für das Essen

An zwei Dinge von Hendrik Noord kann ich mich noch besonders gut erinnern“, sagt Franz van der Kemp. „Erstens: Er war – anders als sein Kollege Jan – sehr aufgeweckt und konnte auf den Knien laufen.“ „Ja, das ist richtig“, erklärt Mark Noord. „Weil die Gärtner damals auf den Feldern die Knospen in Handarbeit abtrennen mussten.“ „Und zweitens: Nach dem Essen – meine Mutter kochte zu der Zeit meistens Pellkartoffeln mit Gemüse – brachte er immer den Teller mit dem Spruch ,Es war mir eine sehr gute Mahlzeit‘ zurück in die Küche. Und dieser Spruch hat sich bei mir so eingeprägt, dass ihn meine Frau Hedwig noch heute zu hören bekommt“, verrät er.

Nach dem Einzug der Amerikaner zurück in die Heimat

Dann kamen die Amerikaner: Während Waltrop schon am 4./5. April befreit wurde, brauchte die US Army noch bis zum 9. April, bis sie in den sogenannten „Ruhrkessel“ einmarschierten. 96 Tote gab es damals vor allem durch Tiefflieger und Granateneinschlag in Steele. „Anders als sein Kollege Jan, der eine hochschwangere Frau daheim hatte, blieb Hendrik Noord noch bis Anfang Mai bei uns und machte sich dann auf den Weg zurück in die Heimat.“ 1947 sei dann ein Dankesbrief von Hendrik Noord bei Familie Van der Kemp angekommen.

Am Ende der außergewöhnlichen Begegnung am Samstag in Leveringhausen werden dann noch die obligatorischen Fotos für das Familienalbum geschossen. Noch am späten Nachmittag geht es für Mark Noord und Mirjam Moonen dankbar zurück in die Niederlande – sie haben viele „Puzzleteile“ aus dem Leben des Vaters im Gepäck. Und Franz van der Kemp bemerkt: „Heute ist die Geschichte mal wieder richtig lebendig geworden.“

Der Abend in Waltrop

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