Dienst auf der Corona-Intensivstation

„Die Wertschätzung für unsere Arbeit hat sich nicht großartig geändert“

Ein 26-jähriger Waltroper kämpft täglich auf einer Covid-19-Intensivstation um das Leben der Patienten. Er erzählt von traurigen Momenten. Dabei bekommt er immer noch Gänsehaut.
Nur in Vollmontur darf der Pfleger das Zimmer der Corona-Patienten betreten. © Privat

Der junge Mann (der hier namentlich nicht genannt werden soll) erzählt vom Schicksal einer Familie – alle Mitglieder hatten sich mit Covid-19 infiziert. Der Vater und eine Tochter lagen auf der Corona-Intensivstation. Der Vater starb. „Die Tochter habe ich dann mit dem Rollstuhl aus dem Nebenzimmer zu ihm gefahren. Der Rest der Familie konnte wegen der Quarantäne nicht Abschied nehmen. Das war sehr traurig.“

Der heute 26-Jährige hat die Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger gemacht und arbeitet seit Oktober 2018 auf der Intensivstation einer Klinik in der Region. Im April 2020 während der ersten Welle wurden die ersten Corona-Fälle eingeliefert.

Corona-Patienten ging es „viel schneller viel schlechter“

„Respektvoll, aber mit Angst behaftet“, sei zu Pandemiebeginn die Arbeit gewesen, erzählt der engagierte Pfleger. Zunächst wurden auf der Station sowohl Corona-Patienten behandelt als auch das „übliche“ Klientel. „Pro Schicht wurden zwei Pflegende für die Corona-Patienten abgestellt“, erinnert sich der Waltroper an seine ersten Begegnungen mit den Schwerkranken. „Man merkte schnell, dass es ihnen viel schneller viel schlechter ging.“

Am Höhepunkt der ersten Welle wurden dann nur noch Corona-Patienten auf der Station behandelt. „Dann war auch ich für zwei Zimmer – ein Einzel- und ein Doppelzimmer – mit drei Patienten zuständig. Das bedeutete aber, dass ich bei jedem Zimmerwechsel meine Montur wechseln musste: den Kittel, die Handschuhe, die FFP2-Maske, die Schutzbrille oder das Visier und die Kopfhaube. Manchmal musste ich wegen der intensiven Betreuung vier Stunden lang in einem Zimmer bleiben. “ Gleichzeitig musste er aber auch wissen, wie es dem Menschen in dem anderen Zimmer ging. Zu Pandemiebeginn waren sechs Pflegende für 18 Patienten im Dienst. Das Personal wurde aufgestockt, dann waren es acht bis zehn Kollegen. „Wichtig war, dass jemand auf dem Flur bleiben musste, um in den jeweiligen Zimmern, in denen der Kollege gerade nicht war, sofort einschreiten zu können“, berichtet der 26-Jährige.

„Die Wertschätzung unserer Arbeit hat sich nicht großartig geändert“

Hier gäbe es Handlungsbedarf. „Der Corona-Bonus ist toll. Und die Geste der applaudierenden Gesellschaft auch. Aber unterm Strich hat sich die Wertschätzung unserer Arbeit nicht großartig geändert. Mehr Kollegen im Dienst, das wäre der richtige Weg.“

Viele Überstunden habe er in den vergangenen 15 Monaten nicht machen müssen. „Im Gegensatz zu den Verantwortlichen der Station. Die haben zum Teil von 6 bis 22 Uhr gearbeitet“, erzählt der Mitt-Zwanziger und holt tief Luft.

Es seien die Gespräche, die ihm hülfen, das Erlebte des Tages zu verarbeiten. „Wir reden im Team, mit Psychologen.“

Es gehe ihm sehr nahe, wenn es darum gehe, die Angehörigen der schwerstkranken Patienten zu begleiten. „Bevor wir intubieren, bieten wir an, dass die Patienten telefonieren dürfen. Auch wenn das Reden sehr anstrengend ist, was wir an der Sauerstoffsättigung auf dem Monitor erkennen. Aber der Kontakt zu den Liebsten ist für die Psyche eben auch immens wichtig.“

Der junge Mann erinnert sich an einen ebenfalls jungen Familienvater, der alle Therapien über sich ergehen ließ. „Es ist sehr unangenehm, eine bestimmte Maske zu tragen, aber er machte alles mit, um gesund zu werden. Doch dann musste er intubiert werden, kam an die künstliche Lunge und ist verstorben. Das war auch ein sehr trauriger Moment.“

Von Corona-Leugnern fühlt sich der Waltroper verhöhnt

Dass es Menschen gibt, die Corona leugnen, könne er nicht nachvollziehen. „Im Team haben wir letztens besprochen, dass diese Querdenker am besten mal einen Dienst hier bei uns mitmachen sollten. Dann würden sie sehen, was Corona mit den Patienten und mit uns macht.“ Während der zweiten Welle gab es eine Situation, die ihn sprachlos und ungläubig zurückließ. „Ich wollte gerade zur Arbeit gehen, da sah ich auf dem Parkplatz vor der Klinik 40 Menschen, die einem Patienten zum Geburtstag gratulieren wollten. Sie tranken Sekt, hielten keine Abstände ein und trugen keine Masken. Ich fand keine Worte, deshalb hatte ich sie auch nicht angesprochen. Ich fühlte mich einfach nur verhöhnt.“

Er glaubt, dass die Arbeit während dieser Pandemie seine Persönlichkeit prägen wird. Und er wird immer einen bestimmten – wegen der Gefahr der Virus-Übertragung notwendigen – Moment in Erinnerung behalten: „Ich finde es grausam, dass die Verstorbenen in Plastikbeutel gesteckt und dann in die Kühlkammer geschoben werden.“

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