Experiment Heimat - mit Video

Preisgekrönte Künstler werfen den „fremden Blick“ auf Waltrop

Bachmann-Preisträgerin Nora Gomringer und der Fotograf Nikita Teryoshin waren in Waltrop zu Gast – im Projekt „Experiment Heimat“: Wie sehen Fremde die Stadt, die uns so vertraut ist?
Der Fotograf Nikita Teryoshin, Stadtführer Klaus Beie, Lyrikerin Nora Gomringer und Margret Kostede (v.l.) vor dem Kulturforum Kapelle. © Tamina Forytta

Was macht Waltrop und die Waltroper aus? Die Bewohner selbst wissen das für sich genau, aber was, wenn jemand Fremdes auf unsere Stadt blickt? Wir werden es erfahren, denn im Rahmen des Projekts „Experiment Heimat“ hielten sich jetzt die Lyrikerin und Bachmann-Preisträgerin Nora Gomringer und der Fotograf und World-Press-Photo-Preisträger Nikita Teryoshin in Waltrop auf. Ihre Eindrücke verarbeiten sie in Texte und Bilder, und diese werden sich im kommenden Jahr in einem Text-Foto-Band und einer Wanderausstellung wiederfinden. „Experiment Heimat“ ist ein Literatur- und Fotografieprojekt des Westfälischen Literaturbüros in Unna in Zusammenarbeit mit diversen Institutionen, Kulturorten und Städten. Es wird vom NRW-Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung gefördert.

Führung vom Oberdorf zum Unterdorf Waltrop

17 Autoren und Fotografen sind in insgesamt neun Orten in Westfalen zu Gast, so wie Nora Gomringer und Nikita Teryoshin in Waltrop. Und sie bekamen hier viele Impulse: eine Führung durch den Schleusenpark zum Beispiel, aber auch eine Stadttour mit Klaus Beie und Margret Kostede – die beiden erfahrenen Stadtführer sind sonst auch für die Volkshochschule im Einsatz. Die beiden führten Gomringer und Teryoshin vom Oberdorf ins Unterdorf, passierten Kulturforum Kapelle, das Jugendcafé Yahoo, den alten jüdischen Friedhof und St. Peter natürlich.

Auch ins Kulturforum Kapelle hinein ging es für die beiden beim “Experiment Heimat”-Projekt. © Tamina Forytta © Tamina Forytta

Wobei: So ganz fremd war Nikita Teryoshin, der auf der ganzen Welt fotografiert, Waltrop nicht. „Ich war hier schon mal auf einem Festival“, sagt der 34-Jährige. Ein Beweis mehr, dass das Parkfest weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist. Er und Nora Gomringer hörten aufmerksam zu, was Beie und Kostede zu erzählen hatten, ließen sich über die Schullandschaft in Waltrop genauso berichten wie über Gertrud Leppelmann, die einst die Krankenhaus-Kapelle finanzierte, wissen jetzt, wie das „Kippermännchen“, das Logo des Traditions-Fahrzeugbauers Langendorf, zustande kam und kennen die legendären Animositäten zwischen Datteln und Waltrop.

Gesprächsrunde im Schiffshebewerk

Eine Gesprächsrunde mit Vertretern von Vereinen und anderen Institutionen gab den beiden Künstlern weiteren Input. Ihre Eindrücke – auch aus dem zweiten Standort ihrer „Experiment Heimat“-Visite, Hattingen, werden sie nun in Wort und Text niederlegen. Und spätestens im kommenden Jahr, wenn Buch und Ausstellung fertig sind, ist dann die zentrale Frage des Projekts beantwortet: danach, inwieweit sich der Blick von außen mit der Eigenwahrnehmung der hier lebenden Menschen von „ihrer“ Heimat deckt.

Das sind die beiden Künstler

Nora Gomringer wurde 1980 in Neunkirchen/Saar geboren, wuchs in Oberfranken auf und studierte Amerikanistik, Germanistik und Kunstgeschichte in Bamberg. Seit 2010 leitet die Lyrikerin und Poetik-Dozentin das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg. Die Einrichtung bietet Künstlern aus Deutschland und jeweils einem anderen Land die Möglichkeit, im Rahmen eines Stipendiums ohne Verpflichtungen an eigenen Projekten zu arbeiten und diese in Veranstaltungen vorzustellen.

Nora Gomringer, Tochter des Dichters Eugen Gomringer, gilt als Mitbegründerin der deutschen Poetry-Slam-Szene. Sie wurde 2015 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet.

Nikita Teryoshin, geboren 1986 in St. Petersburg/Russland, zog später nach Dortmund, wo er Fotografie studierte. Er lebt heute in Berlin und arbeitet als freiberuflicher Fotograf unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, den Spiegel, den Stern oder die Fußball-Zeitschrift „11Freunde“.

Seine erste Solo-Ausstellung fand 2017 in Strasbourg/Frankreich statt. 2019 gewann Teryoshin den ersten Preis beim „Miami Street Photography Festival“. 2020 war eines seiner Werke nominiert für das „World Press Photo of the Year“, er gewann in dem Jahr in der Unter-Kategorie „Contemporary Issues“.

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