Selbsthilfegruppe feiert 25. Geburtstag

Tabuthema Krebs: Da ist der Redebedarf in der Gruppe groß

Laut Deutscher Krebsgesellschaft erkrankt derzeit eine von acht Frauen im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. Wenn die Diagnose dann vorliegt, haben viele Patientinnen Redebedarf.
Diese Aufnahme entstand 2016, als die "Frauen nach Krebs" das 20. Bestehen ihrer Gruppe feierten. Seit mehr als einem Jahr treffen sich die Mitglieder wegen Corona nur sporadisch. Rechts im Bild Gabriele Häßner, links Ursula Kleinebudde. © Markus Wessling

So war es auch im Fall der beiden Waltroperinnen Ursula Kleinebudde und Gabriele Häßner, die stellvertretend für viele Frauen im Ostvest stehen. Seit nunmehr 25 Jahren leiten sie die Selbsthilfegruppe „Frauen nach Krebs“.

Gabriele Häßner kann sich noch ganz genau an den Tag erinnern, als sich 1998 Gruppen in der Waltroper Stadthalle präsentieren durften. Darunter auch die Selbsthilfegruppe „Frauen nach Krebs“. Mitbegründerin Gabriele Häßner: „Bei uns kamen nur Wenige vorbei. Dann blieb eine Besucherin stehen, schaute uns an und sagte: Das ist ja schlimm, aber ich kriege das nicht.“ Mit „das“ meinte die Frau Krebs, im Speziellen Brustkrebs. Gabriele Häßner weiß aus eigener Erfahrung, dass dies ein Trugschluss ist. 1995 erkrankte sie an Krebs. Ein Jahr später erhielt Ursula Kleinebudde die Diagnose. Zu diesem Zeitpunkt kannten sie sich noch nicht. Und später kristallisierte sich heraus, dass die beiden Frauen denselben Wunsch hatten.

Der Austausch mit Gleichgesinnten ist wichtig

„Wir wollten uns mit Gleichgesinnten austauschen. In einer Gruppe. Aber wir wollten nicht, dass Eine vorne steht und den Ton angibt. Sondern vielmehr, dass die Frauen gegenseitig voneinander profitieren sollten – auf Augenhöhe. „Dann überlegte ich mir, wo wir uns treffen könnten. Denn in eine Gaststätte wollte ich nicht“, erinnert sich Gabriele Häßner zurück. Daraufhin sprach sie Pfarrer Heinrich Lammers an. Parallel tat dies Ursula Kleinbudde auch. Sie lernten sich persönlich kennen. „Die Chemie zwischen uns stimmte sofort“, erinnert sich Gabriele Häßner. Das Duo plante eifrig die Gründung der Selbsthilfegruppe. „Wir gründeten extra keinen Verein und schlossen uns nicht der Deutschen Krebshilfe an. Wir wollten unsere Energie für unsere Gruppe aufsparen. Schließlich waren wir alle frisch Betroffene.“

10 Frauen kamen vor 25 Jahren zum ersten Treffen

Ursula Kleinebudde und Gabriele Häßner verteilten Flyer in Apotheken und auch die Waltroper Zeitung berichtete über das Vorhaben. „Und dann kam das erste Treffen. Es kamen tatsächlich zehn Frauen, mit solch einer großen Resonanz hatten wir nicht gerechnet. Wir waren wie elektrisiert. Wir hatten zuvor noch nie mit der Gründung einer Gruppe zu tun gehabt“, schildert Gabriele Häßner die aufregende Anfangsphase. Bei den Treffen folgte zunächst eine Vorstellungsrunde. „Aber jede Frau sollte nur so viel erzählen und von sich preis geben, wie sie wollte. Und natürlich stand die Krankheit im Mittelpunkt: Aber der Humor war von der ersten Stunde mit dabei.“

Tabuthema in vielen Familien

Gabriele Häßner: „Viele Frauen hatten Redebedarf, weil dieses Thema in den Familien ein Tabuthema war. Viele Angehörige wussten nicht, wie sie damit umgehen sollten. Ich bin mit meiner Krankheit immer offen umgegangen. Ich habe mich nicht versteckt. Aber: Da muss jeder seinen Weg finden.“

In den mittlerweile 25 Jahren, in denen die Gruppe besteht, sind mehr als 25 Frauen gestorben. Es kamen immer wieder neue Krebspatientinnen – 96 Prozent von ihnen hatten die Diagnose Brustkrebs erhalten. „Viele interessierte Frauen, die betroffen waren, wurden durch die Artikel in der Zeitung aufmerksam. Aber es meldeten sich auch Angehörige“, erinnert sich Gabriele Häßner. Und auch daran, dass es Frauen gab, die sie und Ursula Kleinebudde in den Stand von Therapeuten erhoben. „Aber das sind wir nicht. Wir sind nur Laien“, betont Gabriele Häßner. Zu Spitzenzeiten kamen 30 Frauen in die Gruppe, „im Schnitt waren es 17,18 Frauen“, erzählt die Waltroperin. Zuletzt gab es nur noch wenige „Neuzugänge“, wie es Gabriele Häßner formuliert.

Das jüngste Mitglied ist 65 Jahre alt

Sie selbst ist 68 Jahre alt, das jüngste Mitglied der Gruppe ist 65 Jahre alt. „Daher würde ich deutlich jüngeren Frauen, die sich treffen wollen, raten, selbst eine Gruppe zu gründen“, sagt Gabriele Häßner. Bei der Gründung würde sie gerne mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Sie berichtet von einer Verbundenheit und Nähe, die sich über die vielen Jahre zwischen den Gruppenmitgliedern aufgebaut habe. Daher sei es so schade, dass das letzte Zusammentreffen – im Rahmen einer Karnevalsfeier – vom 2. März 2020 datiert. Im Sommer vergangenen Jahres hatte man sich ab und zu zum Eis Essen getroffen – draußen, im Herbst konnte noch mit Maske gekegelt werden. Doch dann war der direkte Kontakt während des zweiten Lockdowns nicht mehr möglich. „Wir halten den Kontakt, in dem wir telefonieren oder uns mit wenigen zum Spazierengehen verabreden. Wir hoffen so sehr, dass wir uns in diesem Jahr wieder in der Gruppe treffen dürfen.“

  • Laut Deutscher Krebsgesellschaft erkrankt derzeit eine von acht Frauen im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. Dabei steigt das Risiko mit zunehmendem Alter. Jüngere Frauen sind nur selten betroffen, erst ab dem 40. und besonders ab dem 50. Lebensjahr erhöht sich das Risiko, um ab ca. 70 Jahren wieder abzusinken.
  • Vor Corona trafen sich die „Frauen nach Krebs“ jeden zweiten Montag im Waltroper AWO-Seniorenzentrum an der Dortmunder Straße 146. Für ihr soziales Engagement und die persönliche Unterstützung für zahlreiche Erkrankte wurden Gabriele Häßner und Ursula Kleinebudde stellvertretend für alle Selbsthilfegruppen 2011 die Auszeichnung „Bürgerinnen des Jahres“ verliehen.
  • Auch wenn die Gruppenstunden weiterhin nicht stattfinden können: Interessierte Frauen können zu den beiden Gruppenleiterinnen telefonsich Kontakt aufnehmen: Gabriele Häßner 02309/70601 oder Ursula Kleinebudde 02309/4870.

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