Kraftwerk am Stummhafen

Trianel musste 2020 viele Rückschläge verdauen

In vielerlei Hinsicht steht das Trianel-Kraftwerk an der Stadtgrenze unter Druck. Und dann war 2020 auch noch ein Jahr voller Widrigkeiten für die Stromproduktion.
Blick vom Kesselhausdach in 100 Metern Höhe auf den 160 Meter hohen Kühlturm. © Sylvia vom Hofe

Erst hatten sie kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu – das alte Fußballer-Zitat kann einem in den Sinn kommen, wenn man an die Situation des Trianel-Kohlekraftwerks in Lünen – quasi auf der Waltroper Stadtgrenze – denkt. Doch beim Stadtwerke-Netz steht wohl den Verantwortlichen nicht der Sinn nach solchen Kalauern. Fest steht: Durch den geplanten Ausstieg aus der Steinkohle-Verstromung ohnehin schwer unter Druck, musste der Betreiber im Jahr 2020 auch noch einen Rückgang der Strom-Produktion um etwa die Hälfte im Vergleich zum Vorjahr verkraften. „Zu Anfang des Jahres wehte viel Wind“, sagt Trianel-Sprecherin Dr. Nadja Thomas. Das kann einem Kohlekraftwerks-Betreiber deshalb nicht egal sein, weil Sonnen- und Windenergie im Netz Vorfahrt haben. Wenn viel regenerative Energie zur Verfügung steht, lohnt sich der Betrieb des Kohlekraftwerks nicht, es bleibt abgeschaltet.

Und dann kam auch noch Corona

Der zweite negative Effekt, der freilich auch alle anderen Kraftwerksbetreiber betraf, war die Corona-Pandemie: Das Trianel-Kraftwerk an der Stadtgrenze sei nicht am Netz, berichtete diese Zeitung im April 2020. Ein Grund neben der Wetterlage: die massiv sinkende Strom-Nachfrage wegen des Stillstands vieler Produktionsbetriebe als Folge der Pandemie. Notfall-Pläne für den Personal-Einsatz wurden geschmiedet, die fällige Revision angesichts des Zwangs-Stillstands vorzuziehen, war aber keine Option: Zu Corona-Zeiten eine große Zahl von Menschen dafür aufs Gelände zu lassen, sei sicher der falsche Weg, sagte Kraftwerksleiter Stefan Paul damals.

Und zu allem Überfluss gab es dann noch ein Ereignis, das speziell die Anlage in Lünen außer Gefecht setzte: Bei den Revisionsarbeiten war ein Schaden am Generator festgestellt worden, ohne den sich das Kraftwerk nicht betreiben lässt. Das betreffende Teil wurde per Schwertransport ins Siemens-Werk ins rund 70 Kilometer entfernte Mülheim gebracht. Für den Transport brauchte es wegen kleinerer Schwierigkeiten mehrere Anläufe. Immerhin ließ sich die Reparatur dann schneller erledigen als gedacht, Ende August konnte Trianel seine Anlage wieder als „verfügbar“ melden – ursprünglich hatte man befürchtet, die Sache könne sich bis in den Oktober ziehen. Ein ärgerlicher Rückschlag zur Unzeit blieb es trotzdem.

Immerhin sei das Kraftwerk jetzt wieder gut ausgelastet, sagt Trianel Sprecherin Thomas.

Kraftwerk ist der einzige Wermutstropfen

Bei der Jahresbilanz-Pressekonferenz des Stadtwerke-Netzes vor einigen Tagen war eines der besten Vorsteuer-Ergebnisse in der 21-jährigen Firmengeschichte vorgestellt worden. Viele Projekte laufen bestens. Einziger Wermutstropfen: das Kohlekraftwerk. In Presseberichten war davon die Rede, dass die Anlage am Stummhafen spätestens 2031 vom Netz gehen werde. Das ergebe sich laut Geschäftsführung des Unternehmens aus dem Gesetz zur Beendigung der Steinkohleverstromung. Das wäre noch einmal früher als das zuletzt genannte Jahr 2038. Beim Bau der Anlage, die zum Jahreswechsel 2013/14 ans Netz ging, war man von einer geplanten Laufzeit von 40 Jahren ausgegangen. Mit den Plänen der Bundesregierung zum Ausstieg aus der Kohleverstromung wurde diese Periode schon auf 25 Jahre verkürzt – wesentlich weniger Zeit also, die Kapitalkosten zurückzuverdienen, weshalb Trianel sich stets für eine angemessene Entschädigung eingesetzt hat. Aber das Unternehmen muss auch Rückstellungen bilden für den Fall, dass es dazu nicht kommt. Die Betriebskosten, das hat das Unternehmen oft erklärt, verdiene die Anlage sehr wohl, aber eben nicht die Kapitalkosten für den Bau der rund 1,4 Milliarden Euro teuren Anlage. Und jedes Produktions-Jahr weniger macht dieses Unterfangen schwieriger.

„Werden zu den Letzten gehören“

Darauf angesprochen, wann sie mit dem Ende fürs Trianel-Kraftwerk rechnet, sagte die Sprecherin jetzt: „Wir gehen weiter davon aus, dass unser Kraftwerk zu den letzten Steinkohle-Anlagen gehört, die im Zuge des Kohleausstiegs abgeschaltet werden.“ Wann genau, das ist demnach doch noch nicht klar.

Ende vergangenen Jahres hatte der Umweltverband BUND spekuliert, das Trianel-Kraftwerk könne auch über das Ausschreibungs-Verfahren der Bundesnetzagentur sogar noch frühzeitiger stillgelegt werden. Dabei erhalten Betreiber von Steinkohlekraftwerken Prämien, wenn sie ihre Anlagen freiwillig vom Netz nehmen Das Ganze beruht auf einem Auktions-Verfahren. Überraschend kam dabei in der ersten Runde mit dem Kraftwerk Moorburg bei Hamburg auch eine noch sehr junge Anlage zum Zug.

Dr. Nadja Thomas sagt, man dürfe bei der Diskussion auch die Mitarbeiter nicht vergessen: Die Betriebsführung fürs Trianel-Kraftwerk liegt in Händen der Steag, bis zu 100 Menschen gehören zum Team, zusätzlich einige, die bei Trianel direkt fürs Kraftwerk beschäftigt sind. Für einige wird sich die Frage stellen, ob sie sich vor dem Abschalt-Termin schon in die Rente verabschieden können oder sich neu orientieren müssen.

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