Häuser mit Geschichte(n)

Von Feuersbrünsten, Briefen an den Kurfürsten und Plünderungen

Wütende Feuersbrünste, ein Bittbrief an den Kurfürsten und Plünderungen durch französische Soldaten: Der Hof Niermann blickt auf eine reichlich wechselvolle Geschichte zurück.
Dieses Foto aus dem Jahr 1927 zeigt Familienmitglieder mit Pferden aus der Kaltblutzucht vor dem Haus der Familie Niermann. © Familienarchiv

Heute kauft man Erdbeeren und Spargel auf dem Hof Niermann, doch das Gebäude in Oberwiese taucht bereits 1561 im ältesten Verzeichnis der Waltroper Bauernhöfe auf – damals allerdings noch unter dem Namen Hof Schöllmann. Der Hof bestand sicherlich schon lange vorher, doch ältere Überlieferungen sind nicht bekannt. Weiterhin weiß man auch aus dem 16. Jahrhundert kaum etwas, außer, dass die Eheleute Schöllmann 1570 eine Wiese von Gut Kaynhorst erhielten, die noch heute von der auf dem Hof lebenden Familie bewirtschaftet wird.

„Mit untertänigster, fußfälligster Bitt“

Mechthild Niermann, die Mutter des jetzigen Hof-Inhabers, hat zudem aus einigen in alter Handschrift verfassten Dokumenten und Briefen einige Informationen zusammengetragen über das, was sich vor langer Zeit auf dem Hof zutrug. So berichtet sie von einer „wütenden Feuersbrunst“, die 1734 auf dem Hof tobte: Infolge des Brandes konnten die Bewohner nicht mehr retten, „als das, was sie am Leibe trugen“. Das kann man mitunter den Bittbriefen der damaligen Hofbewohner entnehmen, die ihren Kurfürsten um Unterstützung baten – „mit untertänigster, fußfälligster Bitt an seine Kurfürstliche Durchlaucht“. Der Pastor beglaubigte die verheerenden Ausmaße des Brandes und bestätigte, dass die Familie nicht allein mit der Hilfe von Nachbarn und Verwandten in der Lage sei, den Betrieb wieder aufzubauen und die gewohnten Abgaben zu leisten.

Französischer Soldat bringt Schöllmann-Sohn um

„Es folgten schlimme Zeiten“, fasst Mechthild Niermann zusammen: „Hunger, Brände, Kriege, Plünderung und Überfälle.“ 1757 wurde beispielsweise der älteste Sohn der Familie Schöllmann bei einer Plünderung durch französische Soldaten umgebracht. Die Soldaten hatten Pferde des benachbarten Bauern Hoffmann beschlagnahmen wollen. Wie man einem Zeitzeugen-Bericht entnehmen kann, töteten sie dabei aufgrund einer Verwechslung Schöllmanns Erben, den sie für einen Hoffmann hielten.

Aus dem Archiv des Heimatvereins stammt dieses Foto, leider ohne Datum. © Heimatverein Waltrop © Heimatverein Waltrop

Womöglich wich die Familie Schöllmann schon vorher anderen. Der Beiname Schöllmann blieb aber weiterhin mit dem Hof verbunden. Seit 1814 trägt er aufgrund der Heirat von Jodocus Hermann Niermann aus Werne mit einer Tochter des Hofes namens Anna Maria den Namen Niermann. Seine Mutter stammt übrigens aus der Bauernschaft Elmenhorst und war eine geborene Bergmann.

Religiöse Inschrift am Herdfeuer

Das jetzige Wohnhaus wurde 1859 von Jodocus‘ Sohn Hermann erbaut: Die Namen der Eheleute und das Baujahr sind noch heute auf den Platten am Herdfeuer zu lesen. „Beim Bau eines Hauses“, so Mechthild Niermann, „wurde ja oft der Grund für den Bau angegeben. Zum Beispiel Baufälligkeit oder Sturmschaden am alten Haus.“ In diesem Fall sei jedoch – ebenfalls nicht unüblich – eine religiöse Inschrift gewählt worden. Sie lautet: „Allmächtiger Gott, bewahre dieses Haus vor Krieg und Brand und segne uns mit deiner Hand / und führe, o Gott, doch einst zu dir / die aus- und eingehen diese Tür“.

So sieht es aktuell auf dem Hof in Oberwiese aus. © Elena Schulze Langenhorst © Elena Schulze Langenhorst

Ein weiteres Ereignis, das den Hof bis heute stark geprägt habe, sei der Bau des Kanals gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Dadurch wurden die Ländereien des Hofes zweigeteilt.

Langsam nähern wir uns der heutigen Familie Niermann: 1919 erhielt Theodor Niermann, der Großvater des jetzigen Besitzers, den Hof als ältester von neun Geschwistern. Neben Getreideanbau und Saatgutvermehrung betrieb er eine bald weithin bekannte Kaltblutpferdezucht und machte ca. 70 Morgen Heideland urbar. Später, in den Kriegsjahren, habe es mehrere Bombentreffer gegeben, die Teile der Gebäude zerstörten. Eine hingegen positive Veränderung war 1948 der erste Trecker, der die Arbeit mit Pferden größtenteils ersetzte.

Info

Früher ein kurfürstliches Pachtgut

Früher war der Hof Niermann ein kurfürstliches Pachtgut. Er unterlag also dem Kurfürsten von Köln und musste diesem Abgaben zahlen.

Im Normalfall bewirtschafteten Bauern die Höfe zu ihren Lebzeiten und vererbten an den ältesten Sohn, sofern sie sich nichts zuschulden kommen ließen – denn dann konnte der Kurfürst ihnen den Hof „wegnehmen“.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts machte Jodocus Niermann Gebrauch von der relativ neuen Möglichkeit des Freikaufs und wurde somit zum Eigentümer des Gutes.

Niermanns Sohn Theodor Joseph heiratete 1965 und wurde bald Besitzer des Hofes, nachdem er zuvor Pächter gewesen war. Mit seiner Frau Mechthild führte er den Betrieb weiter, bis sie ihn an ihren Sohn Jodokus übergaben. Dessen Name ist angelehnt an den Jodocus, der 1814 den Namen Niermann einbrachte. Nach Ausbildungsende und Erfahrungen auf einer Farm in Kanada erhielt Jodokus Niermann den Hof zunächst zur Pacht. Bald wurde ihm dieser übertragen und Erdbeer- und Spargelanbau begonnen. Mit seiner Frau Renata und drei Kindern lebt er im alten Wohnhaus, während seine Eltern einen hübschen kleinen Neubau auf dem Hof bewohnen. Sie seien äußerst stolz auf ihren Sohn und seine Frau. „Der Hof ist bei ihnen in guten Händen und wird mit viel Fleiß und tollen Ideen weitergeführt.“

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