Industriekultur

Waltrops Industriekultur nicht als selbstverständlich hinnehmen

Der junge Waltroper Planer, der aus dem Rheinland stammt, schaut mit dem Blick von außen auf die Industriekultur im Ruhrgebiet und in Waltrop. Er weiß: Hier wurde Einzigartiges geschaffen.
Das Schiffshebewerk, Teil der angestrebten Welterbe-Bewerbung. © picture alliance / dpa

Moritz Neuhoff (28) stammt aus Erkrath im Rheinland und hat insofern den Blick von außen. Seine Position als Mitarbeiter der Stadtplanungs-Abteilung im Waltroper Rathaus ist seine erste Stelle nach dem Studium der Raumplanung in Dortmund, erst seit wenigen Monaten ist er dabei. Seit der Studienzeit schwärmt er fürs Revier. Er sagt: Worum wir uns im Ruhrgebiet längst gewöhnt haben, nämlich dass ehemalige Stätten, die mit der Schwerindustrie zusammenhingen, umgenutzt wurden für Freizeit und Kultur – das ist im nationalen und internationalen Kontext alles andere als selbstverständlich. Neuhoff nennt die Region „Rust Belt“ in den USA: Die älteste und größte Industrieregion des Landes im Nordosten hat nach dem Niedergang der Schwerindustrie dramatischen Bevölkerungsschwund, hohe Arbeitslosigkeit und Verfall allerorten zu beklagen gehabt.

Anders bei uns: Trotz aller Probleme, die auch der Strukturwandel im Ruhrgebiet mit sich bringt, ist die Umwandlung der alten Industriestätten für Freizeit- und andere zukunftsfähige Nutzung doch unterm Strich ein großer Erfolg. Und man merkt Moritz Neuhoff an, dass sich er unter den vielfältigen Aufgaben, die man in einem kleinen Stadtplanungs-Team einer 30.000-Einwohner-Kommune auf den Tisch bekommt, besonders gerne um die angestrebte UNESO-Welterbe-Bewerbung der „Kulturlandschaft Ruhrgebiet“ kümmert, deren Teil ja auch Waltrop wäre.

Hebewerk ist ein Alleinstellungsmerkmal

Viel ist dabei die Rede vom Schiffshebewerk, mit dem Waltrop ein Alleinstellungsmerkmal in der „Industriellen Kulturlandschaft Ruhrgebiet“ hat. Zechen gibt es im Ruhrgebiet zuhauf, das Hebewerk eben nur einmal. Doch es ist nur ein – wenn auch bedeutender – Teil eines großen Ganzen. Nach dem gescheiterten ersten Welterbe-Anlauf kam man weg von dem Gedanken, einzelne ehemalige Industriestätten hervorzuheben, sondern will nun die „funktionale Verknüpfung“ der einzelnen Teile betonen: Ohne Verkehrswege keine funktionstüchtigen Zechen, ohne Zechen keine Halden und so weiter. So kennt der Antrag zum Welterbe drei Kategorien, und siehe da – Moritz Neuhoff hat herausgearbeitet, dass Waltrop in allen dreien etwas zu bieten hat. Da gibt es einmal die „linearen Elemente“ wie Flüsse, Kanäle, Bahnlinien. Und gerade hier hat Waltrop viel im Angebot, was die Menschen, die hier leben, als selbstverständlichen Teil ihres Lebensumfeldes ansehen: die Lippe, die drei Kanäle, die Hamm-Osterfelder Bahn. Dann gibt es „Flächen-Elemente“ wie Halden, Polder und Grünzüge und schließlich „Punkt-Elemente“ wie Monumente. Darunter würde dann wohl der Schleusenpark mit seinen jeweils denkmalgeschützten (bis auf die aktive Schleuse) Objekten fallen.

Der zuständige Rats-Fachausschuss war jüngst gefragt, die Welterbe-Planungen für Waltrop gutzuheißen – und tat das einhellig. Das ist nicht selbstverständlich, denn in anderen Ruhrgebiets-Städten sah man das kritisch. Waltrop, sagt Neuhoff, habe den Vorzug, dass hier die Welterbe-Bemühungen keine Interessenskonflikte mit anderen Nutzungen, etwa für Gewerbe, mit sich brächten. Es geht darum, dass bei künftigen Bau-Planungen innerhalb von sogenannten Pufferzonen berücksichtigt werden muss, dass es ja die Welterbe-Pläne gibt – und das muss damit „kompatibel“ sein.

Pufferzone ist kein Problem

Für Waltrop, sagt der junge Planer, sei diese Vorgabe kein Problem: Weil für die linearen Elemente keine Pufferzonen vorgesehen sind, betrifft diese Schutzzone im Waltroper Stadtgebiet nur den Schleusenpark – und dafür gelten ohnehin in verschiedenen Gesetzen verankerte Regeln, die sicherstellen, dass im Umfeld nichts verändert wird, was die Welterbe-Ambitionen gefährden würde. Auch im Hinblick auf die Planungen der Stadt rund um die IGA 2027, die den Schleusenpark als einen zentralen Baustein auf der Ebene „Unsere Gärten“ vorsieht, sei eine Pufferzone mit den geplanten Maßnahmen „kompatibel“, denn der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) als einer der wesentlichen Eigentümer neben dem Wasserstraßen-Schifffahrtsamt als Bundesbehörde hat diese Belange natürlich auf dem Schirm.

Waltrop als kleine beteiligte Stadt lebt stark von dem Wege-Netzwerk, das das Ruhrgebiet erschließt. „Kaum jemand kommt hierher, um eine einzelne Stätte der Industriekultur zu besuchen.“ Nur absolute Leuchttürme wie die Zeche Zollverein in Essen locken vielleicht einzeln Besucher an. Für Waltrop hingegen geht es eher etwa um Rad-Touristen, die im günstigen Fall den Besuch von Stätten der Industriekultur auch mit einem Abstecher in die Waltroper Innenstadt verbinden. Moritz Neuhoff, der Rheinländer, will jedenfalls an seiner Position mithelfen, dass die Welterbe-Bewerbung auch für Waltrop, das Städtchen im östlichen Ruhrgebiet, ein nachhaltiger Erfolg wird.

Erfolgsweg führt über die „Tentativliste“

So geht es weiter: Der erste Schritt führt über die Kultusministerkonferenz (KMK). Sie entscheidet, ob der Welterbe-Vorschlag „Industrielle Kulturlandschaft Ruhrgebiet“ auf der sogenannten Tentativliste landet. Die Tentativliste ist eine Vorschlagsliste für zukünftige Nominierungen zur Aufnahme in die Unesco-Liste des Kultur- und Naturerbes der Welt. Die Vorschläge, die alljährlich im Rahmen des deutschen Kontingents zur Nominierung für die Welterbeliste anstehen, werden von den zuständigen Länderbehörden über das Sekretariat der KMK, das Auswärtige Amt und das Unesco-Welterbezentrum in Paris dem Unesco-Welterbekomitee zur Entscheidung vorgelegt. Bis eine endgültige Entscheidung fällt, werden wohl noch einige Jahre ins Land gehen.

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