Meinung

Wir sollten unsere Sinne schärfen

Wir alle leiden unter der Pandemie. Doch das Treffen mit Martha Gandor hat mir vor Augen geführt, wie einsam Senioren sind. Und mit welch Kleinigkeiten man sie glücklich machen kann.
Martha Gandor (85) musste lange auf ihre erste Impfung warten. © picture alliance/dpa

Dass ich mit Martha Gandor in Kontakt kam, war völlig unvorhergesehen. Die 85-jährige lungenkranke, noch nicht geimpfte COPD-Patientin hatte an mein Fenster geklopft, und gefragt, ob ich sie für fünf Euro zu einem Hofladen fahren könnte. Welch eine Überwindung muss das für die auf einen Rollator angewiesene Dame gewesen sein. Ich fuhr sie gerne. Ich durfte eine interessante Persönlichkeit kennenlernen. Es war mir peinlich, wie oft sie sich für meinen Einsatz bedankte. Ich bekam Gänsehaut, als sie mir erzählte, dass sie im vergangenen Herbst nur noch auf den Tod gewartet hatte.

Wir alle sind gefangen in dieser Pandemie. Nörgeln, dass wir nicht Essen, nicht Schwimmen und nicht Shoppen gehen dürfen. Und nur ein paar Häuser weiter sitzen diese einsamen Menschen. Wie Martha Gandor, die vier Monate lang nicht vor der Tür war.

Ich habe gut reden, mir wurde die gute Tat, die ich vollbringen durfte, quasi auf dem silbernen Tablett serviert.

Aber diese Begegnung hat meine Sinne geschärft. Sie hat mich gelehrt, trotz des eingeschränkten Horizonts, den Corona uns vorgibt, dennoch den Blick auch nach links und rechts zur richten.

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